Ich bin Deutsch! – Helen

Ich bin Deutsch! – Helen

Ich bin Deutsch! – Helen

Dieses Gespräch mit Helen habe ich in ihrer Pizzeria im Raum Karlsruhe geführt.

Helen ist türkischer Abstammung und in Jordanien geboren. Dort hatte ihr Vater lange Jahre für eine deutsche Firma gearbeitet. Die Eltern von Helen kommen aus dem türkischen Grenzgebiet zu Syrien. Helens Mann ist auch türkischstämmig, seine Eltern kommen  aus der gleichen Region. Da er schon früh mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert ist, haben sich die beiden während einer seiner Urlaube im gemeinsamen Heimatdorf kennen und lieben gelernt. Seit ihrer Hochzeit vor mehr als 20 Jahren leben beide gemeinsam in Deutschland.
Helen betreibt, eine Pizzeria im Raum Karlsruhe, hat zwei Kinder und man kann sich Integration, auch über Generationen hinweg, nicht besser wünschen.

Martin: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Helen: Die Entwicklung der Deutschen Nationalmannschaft in den letzten zwanzig Jahren in Bezug auf die unterschiedlichen Volksgruppen. Ich glaube, das ist ein sehr gutes und erfolgreiches Beispiel für gelebte Vielfalt. Typisch Deutsch ist auch, gut Essen zu gehen, jeden Sonntag Tatort anzusehen, deutsches Bier, Urlaub auf Mallorca, Made in Germany, und Pünktlichkeit. Ich genieße die Freiheit und die gute Chancengleichheit, gerade als Frau prinzipiell alles machen zu können, was ich gerne machen möchte. Ich glaube, viele Menschen würden gerne in Deutschland leben wollen. Der Ruf von uns Deutschen im Ausland ist meiner Meinung nach viel besser als wir uns selbst zugestehen möchten.

Martin: Du hast mit deinem Mann zusammen ein eigenes Lokal. Was hast du, was habt ihr dort für Erfahrungen mit unterschiedlichen Ethnien gemacht?
Helen: Ich habe immer nur sehr gute Erfahrungen mit meinen Gästen und mit meinen Mitarbeitern gemacht. Das liegt daran, dass wir in Bezug auf Ethnien und Herkunftsländer unserer Mitarbeiter keine Unterschiede machen und offen damit umgehen. Diese Offenheit und auch der freundschaftliche Umgang, im und mit unserem Team, erzeugt eine positive Arbeitsatmosphäre.
Vor einiger Zeit haben wir einer jungen, syrischen Frau aus einem nahen Flüchtlingslager die Chance auf einen Aushilfsjob bei uns gegeben. Diese Chance hat sie genutzt, um insbesondere die  Sprache zu erlernen und sich in Deutschland zu integrieren. Auch hier haben sich Freundschaften entwickelt.

Martin: Hast du Angst vor einem weiteren Wachsen der AFD?
Helen: Ich bin der Meinung, dass die AFD und auch die Pegida durch die Flüchtlingskrise in 2015 deutlich an Zuspruch gewonnen hat. Diese Entwicklung macht mir natürlich Sorgen. Auch wenn ich mir die Welt um uns herum anschaue. Dort sind eher Spalter als Brückenbauer an der Macht, die nichts anderes kennen und können, als Ängste bei den Menschen zu schüren.
Auch die AFD schürt die Ängste der Menschen in Deutschland. Die Menschen unter uns die das erkennen, so wie du mit deinem Projekt, müssen versuchen diese Ängste bedeutungslos zu machen. Der AFD wird man meiner Meinung nach nur mit politischen Mitteln entgegnen können, so wie man es in der Vergangenheit mit den Republikanern und der NPD auch gemacht hat.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt? Warum machst du mit?
Helen: Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland und ich würde mir wünschen, dass dein Projekt Brücken baut, und dadurch viele Menschen zueinander und zu einem Miteinander finden. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen, egal wo er herkommt, ist immer lehrreich für beide. Man muss bereit sein, offen und positiv aufeinander zugehen, nur dann gibt jeder sein Bestes für sich, für uns und unsere Gesellschaft. Sobald man einen Beitrag für eine Gesellschaft leistet, sich öffnet und integriert gehört man dazu und schon ist man, in unserem Fall Deutsch.
Durch mein Lokal durfte ich selbst viele Erfahrungen mit anderen Kulturen und Nationalitäten machen – mit Mitarbeitern und auch mit Gästen. Alle diese Erfahrungen waren durchweg positiv und lehrreich. In unserem Team hatten wir schon gleichzeitig junge Mitarbeiter aus Indien, Südamerika und Osteuropa. Alle sind sehr gut miteinander ausgekommen. Es war wirklich schön, das miterleben zu dürfen. Sogar neue Freundschaften sind daraus entstanden. Auch das erhoffe ich mir von deinem Projekt: neue Freundschaften, die Brücken bauen. Wie in der Nationalmannschaft oder auch den Abgeordneten mit Migrationshintergrund im Bundestag. Wir sollten unseren Umgang mit anderen Menschen als Bereicherung ansehen und versuchen diese Menschen zu integrieren und nicht als eine Gefahr für unsere Gesellschaft abstempeln.

Martin: Aus allen deinen Worten kann man deutlich herauslesen: du fühlst dich als Deutsche.
Helen: Ja natürlich, ich bin Deutsche. Ich habe mich mit meinem ganzen Bewusstsein dafür entschieden. Dabei habe ich nicht vergessen wo ich herkomme. Auch wenn ich mich im Land meiner Eltern irgendwie entwurzelt fühle. Ich mag das Land und die Menschen in der Türkei und obwohl ich natürlich die Sprache spreche, bin ich dort „die Deutsche“ oder auch „die Touristin“, die ihren Urlaub im Dorf ihrer Eltern verbringt und dann wieder nach Hause nach Deutschland fährt.

Martin: Darf ich fragen was du für einen Glauben hast?
Helen: Was glaubst du denn? (Lacht verschmitzt)
Martin: Hm, naja (ich laviere herum), ich weiss es nicht?
Helen: Meine Familie, mein Mann, meine Kinder  und ich wurden Christlich-Orthodox getauft
Martin: Das bedeutet, du kommst aus einer religiösen Minderheit in der Türkei. Wurdest du dort oder auch hier in Deutschland deswegen diskriminiert?
Helen: Nein. Auch wenn in dieser Region unterschiedliche Religionen. Also Juden, Christen, und Moslems beheimatet sind, hatte ich persönlich kaum Probleme, auch Diskriminierungen sind mir nicht bekannt. Die Menschen dort sind seit sehr vielen Jahren gewohnt zusammenzuleben.

Martin: Vielen Dank für unser Gespräch, deine Offenheit, dein Mitwirken in meinem Projekt. Danke auch für die leckere Panacotta 🙂

Ich bin Deutsch! – Senad

Ich bin Deutsch! – Senad

Ich bin Deutsch! – Senad

Das Gespräch mit Senad habe ich im Café Extrablatt in Karlsruhe bei einem leckeren Apfelstrudel und einem Cappuccino geführt. 

Senad wurde in Deutschland geboren, seine Eltern sind vor dem Krieg im Kosovo nach Deutschland geflohen.

Martin: Warum ist es dir wichtig, Teil meines Projektes zu sein?
Senad: Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass sich in den Köpfen der Menschen, als auch in der Politik etwas ändert. Den Wählern der AFD, und auch allen anderen fremdenfeindlichen Menschen muss man die Angst „vor dem Fremden“ nehmen, um damit etwas gegen Fremdenfeindlichkeit zu erreichen. Wenn jemand „anders“ aussieht, bedeutet das nicht, dass man Angst davor haben muss.

Meine Familie und ich sind ein Paradebeispiel für eine gelungene Integration von Kriegsflüchtlingen in Deutschland. Unsere Eltern haben auf vieles verzichtet und alles dafür getan, dass wir vier Kinder eine gute Schulausbildung und einen guten Beruf erlernen können. Das haben wir als Familie geschafft und es profitieren doch alle davon, auch die Menschen, die fremdenfeindlich sind.

Martin: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Senad: Da kann es aus meiner Sicht nur eine Antwort geben: „Es gibt kein typisch Deutsch. Jeder Mensch ist so wie er ist.“

Martin: Darf ich fragen, welchen Glauben du hast?
Senad: Ja, klar, ich bin Muslim.

Martin: Hast du aufgrund deines Glaubens schon Diskriminierung, Ablehnung oder Hass erfahren?

Senad: Ja und Nein. Generell kann ich deine Frage mit Nein beantworten. Sehr wohl stelle ich fest, dass mich Menschen, insbesondere nach islamistischen Anschlägen, anders ansehen als sonst. Wie wenn Sie Angst hätten, der junge Mann mit dem fremden Aussehen wollte ihnen Böses antun.

Martin: Hast du aufgrund deiner Hautfarbe schon Diskriminierung, Ablehnung oder Hass erfahren?
Senad: Ja.

Martin: Wenn du einen Wunsch für dein Leben / das Leben deiner Familie in Deutschland oder auch auf der Welt hättest; welcher wäre das?
Senad: Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen gleich wären, egal welcher Hautfarbe, Nationalität oder Glaubensrichtung.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt?
Senad: Das Projekt soll viele Menschen erreichen. Durch dein Projekt soll es in den Köpfen der Menschen „klick“ machen, in Bezug auf das was man über Menschen denkt, die anders aussehen als man selbst. Die Menschen sollten aufwachen. Der Weg, wie und was wir über „das Fremde“ denken, führt ebenso in die falsche Richtung wie nationalistisches Denken.

Martin: Vielen Dank für dein Vertrauen, für das Gespräch und die Teilnahme an meinem Projekt. Vor allem auch für unsere sehr anregende und offene Diskussion über den Glauben.

Ich bin Deutsch! – Zolana

Ich bin Deutsch! – Zolana

Ich bin Deutsch! – Zolana

Dieses Gespräch  mit Zolana habe ich im American Diner im ZKM Karlsruhe geführt.

Zolana wurde in Darmstadt geboren. Seine Eltern kommen aus Kongo-Kinshasa. Zolanas Vater hatte sich für ein Stipendium an der Universität Darmstadt entschieden. Im Alter von vier Jahren, nachdem sein Vater das Studium beendet hatte, musste Zolana mit seinen Eltern wieder zurück nach Kongo-Kinshasa. Dort wollte Zolanas Vater seine Erfahrungen und auch das Wissen aus Deutschland nutzen, um das Leben in seinem Heimatland besser zu machen.
Um den politisch sehr unruhigen Zeiten unter Mobutu zu entgehen, kam Zolana in 2002 wieder nach Deutschland zurück, um zu studieren und zu bleiben. Zolana ist glücklich mit einer Deutschen verheiratet.

That interview is also available in English language.

Martin: Zolana, du wurdest in Deutschland geboren, hast den größten Teil deiner Kindheit und Jugend in Kongo-Kinshasa verbracht, um als junger Erwachsener wieder nach Deutschland zu kommen. Du hast die deutsche Staatsangehörigkeit. Wie hat dich das geprägt?
Zolana: Durch das Erleben zweier unterschiedlicher Kulturen, kenne und lebe ich mit dem Besten aus Beidem. Ich würde mich selbst als Weltbürger sehen, da ich durch meine Reisen in verschiedene Kontinente viele unterschiedliche Menschen und Kulturen kennengelernt habe. Auch durch die akademische Stellung meiner Familie in Kongo-Kinshasa durfte ich als Kind viele andere Kinder aus den unterschiedlichsten Kulturen, Ländern und Sprachen kennenlernen.

Martin: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Zolana: Da gibt es Positives aber auch Negatives. Ich würde mir in Deutschland mehr Gelassenheit wünschen. Durch den Wohlstand in Deutschland, haben viele Menschen eine Art Tunnelblick entwickelt, der nur eine eingeengte Sicht auf die Dinge um sie herum bietet. Viele Menschen in Deutschland sind zu oft am jammern, wie schlecht es ihnen gehen würde. Dabei geht es uns im Vergleich mit sehr vielen anderen Ländern auf der Welt ausgezeichnet.
Was ich an Deutschland sehr mag ist die Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Präzision und Pünktlichkeit.

Martin: Hast du schon Negatives, oder rassistisch geprägte Erfahrungen aufgrund deines Aussehens, deiner Hautfarbe erfahren?
Zolana: Nein, noch nie. Ich denke, das liegt an meiner positiven Ausstrahlung, und wie ich damit auf andere Menschen wirke.

Martin: Hast du Angst vor einem weiteren Wachsen der AFD?
Zolana: Angst? Nein, aber Sorgen. Die ersten Monate nach der Gründung der Partei durch Herrn Lucke waren die Grundzüge der AFD nur konservativ. Mit der Zeit jedoch, und mit dem Beitritt vieler Menschen aus dem Umfeld der NPD, wurden die Inhalte der AFD immer mehr rechts geprägt. Ich mache mir wirklich Sorgen, wie das mit der AFD weiter geht.

Martin: Warum ist es dir wichtig, Teil meines Projektes zu sein?
Zolana: Ich möchte versuchen, den Blick unserer Gesellschaft auf Menschen mit Migrationshintergrund zu ändern. Auf der anderen Seite fände ich ein Einwanderungsgesetz für Deutschland gut und wichtig. Dieses Einwanderungsgesetz könnte sich zum Beispiel an den Einwanderungsgesetzen aus Kanada oder Neuseeland orientieren. Die sind zwar echt hart, aber auch fair. Jeder weiß schon im Vorfeld was ihn erwartet, und vor allem was von ihm erwartet wird.

Martin: Zolana, du hast in unserem ersten, kurzen Gespräch erwähnt, dass du Musik machst und deine erste Single am 01. Februar veröffentlicht werden soll.
Zolana: Ja, das stimmt. Ich habe schon in Kongo-Kinshasa mit der Musik angefangen. In meinen Hip-Hop Songs verarbeite ich mein Leben, meine Erlebnisse, Ideen und Wünsche. Viele meiner Texte sind deutsch, einige aber auch in Lingála, einer der Nationalsprachen von Kongo-Kinshasa.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt?
Zolana: Ich möchte den Menschen mit der Teilnahme an deinem Projekt zeigen, dass es ein Vorteil und eine Bereicherung ist, mit mehreren Kulturen zu leben und aufzuwachsen.

Martin: Vielen Dank für dein Vertrauen, für das Gespräch und die Teilnahme an meinem Projekt.

Mehr von Zolana findet ihr auf seiner privaten Homepage,  musikalischen Homepage, Facebook, Twitter, Soundcloud und YouTube.

Ich bin Deutsch! – Matthias .

Ich bin Deutsch! – Matthias .

Ich bin Deutsch! – Matthias

  Dieses Gespräch habe ich mit Matthias in einem sehr leckeren, original koreanischen Restaurant in der Karlsruher Innenstadt geführt.

Matthias ist in Stuttgart geboren und wohnt in Karlsruhe in einer WG. Er ist sehr oft in Stuttgart bei seinen Freunden und fliegt auch regelmäßig in die Heimat seiner Eltern nach Südkorea.
Matthias hat die deutsche Staatsangehörigkeit im Alter von acht Jahren bekommen, als seine Eltern sich haben einbürgern lassen.

Martin: Matthias, zuerst muss du mir mal erklären, woher der erste Teil „hirsl“ in deiner E-Mail-Adresse kommt.
Matthias: Das ist schnell erzählt (lacht). Als Kind war ich in Bayern in Urlaub. Schon nach kurzer Zeit wurde ich vom Besitzer unserer Ferienwohnung nicht mehr „Matthias“ oder „Matze“, sondern „Hirsl“ gerufen. Hirsl heißt Matze auf bayrisch. Vielleicht bin ich doch deutscher als ich dachte (lacht wieder).

Martin: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Matthias: Hm, das ist schwierig zu sagen. Ich bin im Schwäbischen geboren und aufgewachsen, daher würde ich sagen „das Sparen“ und „Planen“. Oder auch eine Unterscheidung zwischen „Meins“ und „Meins“. Typisch Deutsch ist auch, dass alles was man tut immer einen Sinn haben muss. Dazu möchte ich dir eine Geschichte erzählen:
„Einmal war ich mit meinen Freunden unterwegs ins Kino. Einer meiner Freunde hatte den Film, auf den wir uns eigentlich geeinigt hatten, schon gesehen. Die Folge war, er wollte natürlich nicht mehr in diesen Film, sondern nur in einen anderen. Er meinte, es mache keinen Sinn, einen Film zweimal anzusehen.“
In der koreanischen Erziehung hat das Zusammensein, die Unternehmungen mit Freunden einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Daher ist mir ein solches Verhalten fremd, ich kann das nicht recht verstehen.
Ich selbst sehe mich als „Third Culture Kid“ mit allen Vorteilen, aber auch Nachteilen die das Switchen zwischen zwei Kulturen so mit sich bringt.

Martin: Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du vielleicht anders aussiehst?
Matthias: Zum ersten Mal ist mir das im Kindergarten aufgefallen. Die anderen Kinder haben bei sich immer Schlitzaugen gezogen und „Ching-Chang-Chong“ gesungen.

Martin: Hast du schon Negatives, rassistisch geprägte Erfahrungen aufgrund deines Aussehens, deiner Hautfarbe erfahren?
Matthias: Nein, außer den Erfahrungen im Kindergarten noch nie. Dort wo ich in Stuttgart aufgewachsen bin, gab es sehr viele andere Menschen mit Migrationshintergrund. Dort sahen die meisten einfach „anders“ aus. Vielleicht liegt das aber daran, dass man mit asiatisch aussehenden Menschen die Begriffe „fleißig“ und vielleicht auch „Kung-Fu“ verbindet. Auch während der Schule, dem Studium oder der Suche nach einem Arbeitsplatz hatte ich keinerlei Nachteile aufgrund meines Aussehens erfahren.

Martin: Verknüpfst du mit der Teilnahme an meinem Projekt Erwartungen? Wenn ja welche?
Matthias: Ja, ich möchte ein Verständnis fördern. Man kann doch gleich sein und doch anders (aussehen). Menschen sollten nicht nach ihrem Aussehen bewertet werden, sondern nach dem wer oder was sie sind.

Martin: Vielen Dank für dein Vertrauen, für das Gespräch und die Teilnahme an meinem Projekt.

WER BIST DU?

Selbstverfasstes von Matthias zu einer sehr persönlichen Frage

Wer bin ich?
Mein Name ist Matthias Hong, ich bin in Stuttgart, Deutschland, geboren und ich bin 27 Jahre alt. Ich habe International Management an der Hochschule Karlsruhe für Technik und Wirtschaft studiert und arbeite derzeit in Karlsruhe.

Weiß man jetzt, wer ich bin? Die Frage nach der Identität ist für mich in erster Linie keine Frage des Geburtsorts, dem Aussehen, den Lebensumständen oder des Namens – das sind für mich lediglich Indizien. Für mich ist die Frage nach der Identität eine Frage nach der Heimat, aber auch eine Frage der Selbstdefinition. In meinem Fall, ist es jedoch schwer gerade diese Fragen zu beantworten.

Äußerlich sehe ich koreanisch aus, spreche die Sprache aber nicht so gut – zumindest ist mein Englisch und mein Deutsch besser. Äußerlich lebe ich in Deutschland und werde dort auch akzeptiert und integriert, aber die Denk- und Verhaltensweisen in Deutschland sind doch deutlich verschieden. Mein Vorname ist Matthias, mein Nachname Hong. Das hat schon viele Menschen sehr verwirrt. Auch als ich in Korea ein Auslandssemester abgelegen wollte und dafür ein Visum beantragen musste, wurde dies ziemlich deutlich. Mein Aufenthaltstitel lautete: 외국국적동포 국내거소신고증. „Aufenthaltstitel eines Mitbürgers mit Wohnsitz im Inland, der einen ausländischen Pass hat.“

Dieser Aufenthaltstitel sagt so alles und nichts aus. Ein ewiger Wanderer zwischen Welten und Kulturen zu sein, mag ‚cool‘ klingen, aber nicht zu wissen, woher man wirklich kommt und wer man wirklich ist, ist ein schwerwiegendes Problem. Wenn man anders aussieht und eventuell auch anders ist, wird man oft darauf angesprochen und man fängt an, selbst darüber nachzudenken. „Woher komme ich wirklich?“, „Was brauche ich?“, „Was möchte ich?“, „Wo sind meine Schwächen, wo sind meine Stärken?“ und schließlich „Was definiert mich?“.

Die Antworten auf diese Fragen habe ich in Gott und in der Bibel gefunden. Ich muss feststellen, dass je mehr ich Gott kennenlerne, desto mehr lerne ich mich selbst kennen. Er ist wie ein Spiegel, der mich einfach so abbildet, wie ich wirklich bin. Ein Spiegel, der wie so oft, erst einmal jede Macke und jede Schwäche zeigt, beim genaueren Hinsehen aber auch das Liebenswerte, das Schöne und das Bewundernswerte wiedergibt – sowohl äußerlich, als auch innerlich. Und Gott definiert mich als „Kind Gottes“. Das gibt mir einen Rahmen, in dem ich „ich“ sein kann. Teils „deutsch“, teils „koreanisch“, teils beides zusammen, teils nichts von alledem. Es gibt mir die Freiheit nicht in Kategorien zu denken, sondern die Person unter dem aufgedrückten Stempel zu sehen. Gleichzeitig erinnert er mich aber auch daran, dass die Charakterschule nie aufhört und das Akzeptieren und Anerkennen von etwas fremden immer wieder eine neue persönliche Entscheidung ist.

Ich bin bei Gott zuhause. Ich bin so akzeptiert, wie ich bin und ich bin unendlich geliebt.

Ich bin Deutsch! – C.

Ich bin Deutsch! – C.

Ich bin Deutsch! – C.

Das erste Gespräch für mein Projekt habe ich Anfang November mit C. bei mir Zuhause geführt.
Sie hat mich gebeten, ihren Namen nicht auszuschreiben, daran halte ich mich natürlich.

C. ist in Deutschland geboren, lebt im Landkreis Karlsruhe, ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater ist Inder.

Martin:Was ist denn für dich typisch Deutsch?
C. :Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten ohne in die Schublade zu greifen. Mir fallen da spontan folgende Eigenschaften ein: Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit. Oder auch das Ideal eines geregelten Lebens: Man geht in die Schule, macht eine Ausbildung, ergreift einen guten Beruf um sein eigenes Leben gestalten, und schnell auf eigenen Beinen stehen zu können.
Wie viele andere Deutsche auch mag ich Weihnachten sehr gerne, das gemütliche und besinnliche Zusammensein im Kreise der Familie.
Ich bin froh und glücklich in einem Land wie Deutschland zuhause zu sein. Ja, ich bin Deutsch!

Martin:Hattest Du schon die Situation, dass dein Aussehen, deine Hautfarbe dich vielleicht benachteiligt hat?
C. :Ja! Als ich mich nach meiner Ausbildung beworben habe, wünschte ich mir oftmals ich wäre blond. Ich bin mir sicher, dass mein Bild in den Bewerbungsunterlagen einen Einfluß darauf hatte, bei vielen Firmen nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. An meinen Leistungen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, so viele Bewerbungen schreiben zu müssen.

Martin:Hast du aufgrund deines Aussehens auch schon Vorteile gehabt?
C. :Naja, wenn ich mit meinen Freundinnen abends weggehe, dann bekommen wir meistens etwas spendiert, oder haben es leichter „hineinzukommen“. Ich glaube das liegt an meinem Aussehen, da es immer Männer mit meiner Hautfarbe oder einem sichtbaren Migrationshintergrund sind, die uns etwas spendieren.

Martin:Nun zu der schwierigen Frage, ob du schon Negatives aufgrund deines Aussehens, deiner Hautfarbe erfahren hast?
C. :Ja, habe ich erst vor Kurzem: Ich war in meiner Mittagspause in der Fußgängerzone unterwegs und hatte Mittagessen für mich und meine Kollegen besorgt. Plötzlich wurde ich aus einem Auto heraus von einer älteren Frau mit „Drecksausländer“ beschimpft und angespuckt. Einige Passanten haben das mitbekommen, mich getröstet und in den Arm genommen. Ich war hinterher fix und fertig und saß minutenlang zitternd in meinem Auto.
Auch wenn ich viel Zuspruch und Trost, auch von älteren Passanten erhalten habe, hat sich meine Sichtweise auf ältere Menschen etwas verändert. Diese nicht schöne Erfahrung hat etwas mir gemacht. Ich gehe seitdem mit einem anderen Blick durch sie Stadt, ohne jedoch ältere Menschen generell in eine Schublade zu stecken.

Martin:Verknüpfst du mit deinem Outing hier im Projekt eine Erwartungshaltung?
C. :Ja, definitiv! Andere Menschen mit meinem Hintergrund, meiner Hautfarbe sollen auf dieses Projekt, oder auch auf andere Projekte mit demselben Ziel, aufmerksam werden, mitmachen, sich zeigen und keine Angst haben, sich wegen ihres Aussehens, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft zu verstecken.
Von Menschen, wie der älteren Frau, die mich beschimpft und angespuckt hat, wünsche ich mir ein Umdenken wenn sie einen Menschen sehen, der nicht in ihr Weltbild passt.

Martin:Vielen Dank für dein Vertrauen, für das Gespräch und die Teilnahme an meinem Projekt.