Ingrid wurde in Kolumbien geboren und lebt seit acht Jahren in Deutschland. Sie ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn.

Martin: Du bist nach deinem Ingenieur-Studium der Elektrotechnik in Kolumbien gezielt nach Deutschland ausgewandert. Was waren deine Gründe dafür?
Ingrid: Seit meiner Kindheit bin ich ein Fan von Deutschland und war immer sehr wissbegierig, um immer mehr und mehr über das Land und seine Menschen zu erfahren. In der Schule fand ich die deutsche Geschichte spannend. Auch mit den beiden Weltkriegen habe ich mich intensiv auseinandergesetzt. Bei Weltmeisterschaften habe ich immer der deutschen Nationalmannschaft die Daumen gedrückt, damit sie gewinnt – und nicht die anderen.
Schon kurz nach der Schule hatte ich den Wunsch in ein anderes Land auszuwandern, (lacht) natürlich nach Deutschland. Ich kann die Gründe meiner Affinität zu Deutschland gar nicht genau in Punkten auflisten. Vielleicht als ganz banales Beispiel: schon als Kind mochte ich Wurst viel lieber mit Senf als mit Ketchup essen; im Gegensatz zu allen anderen Kindern und Erwachsenen.

Martin: Basiert deine Affinität zu Deutschland aufgrund familiärer Bande oder Verwandtschaft? Ingrid ist ja kein typisch kolumbianischer Vorname.
Ingrid: Das Interesse an Deutschland hat keine familiären Gründe oder Bande. Eine gute Freundin meiner Mutter hieß Ingrid. Meine Mutter hat mich also nach ihr benannt.

Wie gesagt, mein Interesse an Deutschland hat sich während der Schulzeit entwickelt, obwohl wir aufgrund der geografischen Lage mehr über die USA gelernt haben als über Deutschland. Aus meinem damaligen Umfeld habe ich zum Beispiel oft gehört, dass China viele Dinge mit wenig Qualität produziert. Die Produkte aus Deutschland dagegen hatten immer eine super Qualität. Das hat mir gefallen. „Made in Germany“ war in Kolumbien schon ein Begriff.

Martin: Nun bist du ja schon einige Jahre in Deutschland und konntest viele Erfahrungen sammeln. Wie unterscheidet sich dein Bild von Deutschland, das du hattest, mit der erlebten Realität und deinen Erfahrungen?
Ingrid: Natürlich gibt es in Deutschland Dinge, die anders sind als ich erwartet hatte. Im Großen und Ganzen haben sich meine Erwartungen jedoch erfüllt und ich behaupte einfach mal, dass meine Persönlichkeit gut nach Deutschland passt, obwohl ich ganz am Anfang schon eine Art Kulturschock hatte.

Martin: Was genau meinst du mit Kulturschock?
Ingrid: Insbesondere auf bestimmte Traditionen ticken die Menschen in Kolumbien einfach anders. Der Umgang untereinander ist dort viel offener. Freundschaften entwickeln sich viel schneller als hier in Deutschland. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass die Deutschen unfreundlich wären. Dahingehend habe ich nur positive Erfahrungen machen dürfen. In Deutschland Freunde zu finden dauert einfach länger.

Martin: Diese Offenheit fehlt dir also hier in Deutschland.
Ingrid: Ja, am Anfang hat mir das schon gefehlt, ich habe mich damals schon einsam gefühlt. Damit meine ich nicht primär schnell Freunde zu finden, sondern eher die Möglichkeit, mich mit den Menschen um mich herum offen und „einfach so“ zu unterhalten und auszutauschen, schnell ins Gespräch zu kommen. Inzwischen sehe ich aber schon den Vorteil, ein wenig mehr Abstand haben zu können. Ich bin mir der Vor- und Nachteile beider Kulturen schon sehr bewusst. Ich kann also nicht sagen, hier in Deutschland ist es super gut oder super schlecht, es ist einfach ein Kontrast zu Kolumbien.

Martin: Was verbindest du mit dem Begriff „Heimat“?
Ingrid: Heimat ist definitiv ein Gefühl und kein Ort. Ich habe mich in dieses Land verliebt, nicht nur weil ich hier meinen Mann kennengelernt habe, und wir zusammen mit unserem Sohn nun eine Familie sind. Das Gefühl hier in Deutschland zuhause zu sein habe ich schon ganz lange. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Martin: Deine Einbürgerung liegt ja noch nicht so lange zurück. Ist der dahinterliegende Einbürgerungsprozess passend zu dem Mangel an Fachkräften, den Deutschland gerne mit Menschen aus anderen Ländern ausgleichen möchte?
Ingrid: Der Einbürgerungsprozess war für mich ok. Nicht einfach, aber auch nicht super schwer. Nach meinem Studium der Elektrotechnik in Kolumbien wollte ich hier nochmal studieren, und ich konnte das auch tun. Ich meine, wenn du wirklich etwas erreichen möchtest, dann schaffst du das auch. Deutschland hat mich mit offenen Türen empfangen – sehr wohl musste ich Anforderungen erfüllen, die ich ganz in Ordnung finde.
Grundsätzlich halte ich es für essentiell, die Sprache des Landes zu lernen, in das man ausgewandert ist. Natürlich kann man in Deutschland auch nur mit Englischkenntnissen leben, wohnen und arbeiten. Das ist kein Problem. Wenn du dich jedoch richtig in ein Land, in eine Kultur integrieren möchtest, dann musst du auch die Sprache dieses Landes lernen und sprechen können. Das hat für mich auch etwas mit Respekt gegenüber den Deutschen, Deutschland und der deutschen Kultur zu tun.

Martin: Integration ist also keine Einbahnstraße?
Ingrid: Nein. Meiner Meinung nach sollte mindestens ein Basisinteresse vorhanden sein. Dazu gehört für mich einfach auch die Sprache zu lernen. Viele Menschen, mit denen ich zu tun habe, finden es gut, dass ich ihre Sprache spreche. Es war meine persönliche Entscheidung Deutsch zu lernen. Wie sollte ich, ohne die deutsche Sprache zu sprechen und zu verstehen, mich sonst mit der deutschen Kultur auseinandersetzen können? Ich finde Sprache als verbindendes Element super wichtig. Mag sein, es gibt Menschen, die das komplett anders sehen.

Martin: Musstest du schon Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung oder gar Rassismus machen?
Ingrid: Nein, noch nie! Aber ich kenne Menschen, z.B. aus Frankreich, die solche Erfahrungen schon machen mussten. Ja, vielleicht gab es ganz am Anfang Menschen, die keine Geduld hatten mit mir zu sprechen, da mein Deutsch damals so schlecht war und Englisch auch irgendwie nicht so praktikabel war. Daher war mir das Lernen der deutschen Sprache so wichtig, um mich auf Augenhöhe unterhalten zu können. Eine gemeinsame Sprache macht einfach den Unterschied.
Diskriminierung habe ich zu keinem Zeitpunkt erfahren. Nicht während des Studiums, noch während der Semesterferien, in denen ich in verschiedenen Unternehmen gearbeitet habe, noch hier bei meinem Arbeitgeber. Ganz im Gegenteil. Mir wurde immer und überall geholfen, ich fühlte mich akzeptiert und ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung.

Martin: Aufgrund der Schlagzeilen aus Kolumbien machst du dir sicherlich Sorgen um deine Angehörigen dort.
Ingrid: Ja, natürlich. Immer wenn ich in Kolumbien bin sehe ich keine Verbesserungen in der Politik, im Kampf gegen die Korruption, mit dem Krieg gegen die Guerillas und anderen paramilitärischen Gruppierungen. Ich sehe mit Sorgen in Kolumbiens Zukunft. 

Die Kriminalität ist immer noch sehr hoch, die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, der Wirtschaft geht es schlecht und die vielen venezolanischen Flüchtlinge machen die Situation auch nicht einfacher.

Martin: Wie sieht denn das Zusammenleben der vielen ethnischen Gruppen, auch den indigenen, in Kolumbien aus?
Ingrid: Das Zusammenleben funktioniert auf eine friedliche Art und Weise ganz gut. Die indigenen Gruppen haben Ihren Anteil an der kolumbianischen Kultur, auch wenn sie in der Minderheit sind. Sie leben, vom Staat behütet, eher zurückgezogen in ihren Gebieten. Der Großteil der kolumbianischen Kultur ist natürlich spanisch und katholisch geprägt. Es gibt in Kolumbien auch die Gruppe der Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven, die vor ungefähr 500 Jahren nach Kolumbien verschleppt wurden. All diese Ethnien bilden heute eine vielfältige kolumbianische Kultur. Das eigentliche Problem in Kolumbien sind die Guerillas und die Korruption und nicht die multiethnische Gesellschaft.

Martin: Zurück nach Deutschland und zur Sprachvielfalt. Mit wie vielen Sprachen wächst euer Sohn auf?
Ingrid: Mit drei Sprachen. Deutsch, Spanisch und Englisch. Zuhause sprechen wir Deutsch und Spanisch, in der Kita wird viel Englisch gesprochen. Unser Sohn findet das total cool.
Ich finde es in der heutigen internationalen Welt, in der wir leben, super wichtig, mehr als eine Sprache sprechen und verstehen zu können. Wenn ich als kleines Kind diese Möglichkeit gehabt hätte, wäre ich super dankbar gewesen.

Martin: Hast du in den acht Jahren, in denen du hier in Deutschland bist, bemerkt dass es mehr Rassismus und Diskriminierung gibt?
Ingrid: Ja … Nein … Jein. Ich weiß es nicht. Vielleicht dadurch, dass ich keine Probleme damit hatte. Natürlich habe ich gehört, dass es Menschen hier in Deutschland gibt die sich, aufgrund der (gefühlt) hohen Zuwanderungsraten von Ausländern, Sorgen machen. Sorgen, dass der Staat sich zu viel um die Zuwanderer kümmert, und nicht um „die anderen“ Probleme in Deutschland. Sorgen, dass dadurch die Kriminalität ansteigen könnte.

Martin: Bist du der Meinung, dass die Kriminalität in einem Land automatisch durch Zuwanderung oder Flüchtlinge steigt?
Ingrid: In Deutschland – nein. In Kolumbien ist das anders. Von meiner Mutter weiß ich, dass es seit einiger Zeit keine gute Idee ist, im Dunkeln mit der Tasche auf die Straße zu gehen.  Deutschland hat dieses komplexe Thema meiner Meinung nach überraschend gut gemeistert. Daher habe ich viel Respekt vor der Politik, die das hier in Deutschland möglich gemacht hat. Wenn ich manche Menschen in Deutschland über das Thema reden höre und das gegen meine Erfahrungen aus Kolumbien stelle, frage ich mich, ob diese Menschen keine anderen Probleme haben – es könnte auch hier wesentlich schlimmer sein.

Martin: Ich stelle in meinen Interviews immer die banale Frage „Was ist denn typisch Deutsch“?
Ingrid: (Lacht) Typisch deutsch ist, im Januar eines neuen Jahres alle Termine einzutragen. Typisch deutsch sind Strümpfe in Sandalen. Typisch deutsch ist, Wurst mit Senf zu essen.

Martin: Was vermisst du am Meisten aus Kolumbien?
Ingrid: Natürlich meine Mutter. Und das Feiern. Nicht, dass man in Deutschland nicht feiern würde, aber in Kolumbien gibt es einfach sehr viel mehr Möglichkeiten ohne Alkohol zu Feiern und zu tanzen – auf der Straße, beim Nachbarn, einfach überall. Tanzen macht einfach lockerer und es gibt unheimlich viel Spaß.

Martin: Wenn du dir die Entwicklung in der Welt über die letzten Jahre ansiehst und einen Wunsch frei hättest um Dinge anders oder besser zu machen, welcher wäre das?
Ingrid: Oh Mann, was für eine schwierige Frage (lacht und überlegt lange). Das Interesse der Politiker sollte mehr in die Richtung Kinder und die Bekämpfung der Armut gehen. Meiner Meinung nach fokussieren sich Politiker zu sehr auf ihren eigenen Vorteil und vergessen oft die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die ärmere Bevölkerung. Mein Wunsch wäre die Mentalität und die Prioritäten dieser Politiker zu verändern – mehr den sozialen Blick zu schärfen und weniger für das Geld in der eigenen Tasche.

Martin: Stimmt die Aussage deiner Meinung nach, dass wenn man noch nie außerhalb der eigenen Landesgrenzen war, der Blick auf die Dinge eingeschränkt ist und bleibt?
Ingrid: Ja, natürlich! Dein Blickwinkel verändert sich in dem Moment, in dem du andere Länder besuchst und mit den Menschen dort Kontakt hast. Die Offenheit, die du bekommst und erfährst ist einfach unglaublich. Du erkennst, dass du nicht der einzige Mensch auf dem Berg und nicht der Mittelpunkt der Welt bist: es gibt andere Menschen, es gibt andere Meinungen, es gibt so viele andere Einflüsse, andere Geografie, anderes Klima, andere Politiker, so viele Faktoren, die beeinflussen warum die Menschen so sind wie sie sind, und warum sie denken, was sie denken. Wenn du das nicht selbst erfährst und nicht mit eigenen Augen siehst, kannst du diese Menschen nicht verstehen.

Martin: Wir sollten also viel mehr miteinander und nicht übereinander sprechen.
Ingrid: Natürlich. Wir sind alle Menschen, egal woher wir kommen, egal welche Hautfarbe wir haben – wir sind alle Menschen. Wir haben alle unsere Ängste, Sorgen, Freude und Wünsche, und wir werden alle irgendwann sterben. Daher ist es egal woher wir kommen.

Martin: Machst du dir wegen dem faktischen Klimawandel und der aktuellen Klimapolitik Sorgen um euren Sohn?
Ingrid: Ja schon. Es ist schockierend wie sich das Klima ändert. Niemand weiß, was in 20 Jahren passiert. Wir, also mein Mann und ich, sind der Meinung, dass jetzt etwas passieren muss.

Martin: Müssten die Deutschen mehr für das Klima auf die Straße gehen? Sind wir Deutschen auch dahingehend eher zurückhaltend?
Ingrid: Nein, ich finde die Deutschen dahingehend nicht als zurückhaltend.
Wenn sie etwas nicht mögen, dann melden sie sich – wirklich. Das ist auch der Unterschied zu Kolumbien – hier in Deutschland gibt es für alles ein Gesetz oder eine Regel. Bezogen auf den Klimawandel ist die Reaktion von vielen Menschen für mich jedoch typisch: Es wird schon nicht so schlimm kommen. Viele Menschen glauben nicht, dass etwas schlimmes passiert.

Martin: Aber wir erleben das jeden Tag.
Ingrid: Mag sein, trotzdem glauben viele, dass es nicht so schlimm ist oder kommt.

Martin: Und trotzdem habt ihr euch entschieden ein Kind zu bekommen. Ich kenne Menschen, die aus diesem Grund keine Kinder bekommen möchten.
Ingrid: Ich habe in meinem Leben in Kolumbien bisher viel gesehen und auch erlebt – Armut und Krieg. Ich habe auch oft daran gedacht keine Kinder zu bekommen – bis ich meinen Mann kennengelernt habe. Er ist so offen und positiv und hat meine Meinung dadurch geändert.
Trotz meinen ursprünglichen Gedanken zu eigenen Kindern, liebe ich Kinder über alles. Kinder sind für mich „die echten Menschen“. Kinder sind offen, ehrlich und noch unbeeinflusst. Natürlich habe ich Angst, was in dreißig oder fünfzig Jahren sein wird, was kommen wird. Daher finde ich es super wichtig, dass die Politik etwas unternehmen muss, die richtigen Maßnahmen zu finden und auch umzusetzen.

Martin: Vielen Dank für das nette Interview und für deine Unterstützung für mein Projekt