Ich bin Deutsch – Ingrid

Ich bin Deutsch – Ingrid

Ingrid wurde in Kolumbien geboren und lebt seit acht Jahren in Deutschland. Sie ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn.

Martin: Du bist nach deinem Ingenieur-Studium der Elektrotechnik in Kolumbien gezielt nach Deutschland ausgewandert. Was waren deine Gründe dafür?
Ingrid: Seit meiner Kindheit bin ich ein Fan von Deutschland und war immer sehr wissbegierig, um immer mehr und mehr über das Land und seine Menschen zu erfahren. In der Schule fand ich die deutsche Geschichte spannend. Auch mit den beiden Weltkriegen habe ich mich intensiv auseinandergesetzt. Bei Weltmeisterschaften habe ich immer der deutschen Nationalmannschaft die Daumen gedrückt, damit sie gewinnt – und nicht die anderen.
Schon kurz nach der Schule hatte ich den Wunsch in ein anderes Land auszuwandern, (lacht) natürlich nach Deutschland. Ich kann die Gründe meiner Affinität zu Deutschland gar nicht genau in Punkten auflisten. Vielleicht als ganz banales Beispiel: schon als Kind mochte ich Wurst viel lieber mit Senf als mit Ketchup essen; im Gegensatz zu allen anderen Kindern und Erwachsenen.

Martin: Basiert deine Affinität zu Deutschland aufgrund familiärer Bande oder Verwandtschaft? Ingrid ist ja kein typisch kolumbianischer Vorname.
Ingrid: Das Interesse an Deutschland hat keine familiären Gründe oder Bande. Eine gute Freundin meiner Mutter hieß Ingrid. Meine Mutter hat mich also nach ihr benannt.

Wie gesagt, mein Interesse an Deutschland hat sich während der Schulzeit entwickelt, obwohl wir aufgrund der geografischen Lage mehr über die USA gelernt haben als über Deutschland. Aus meinem damaligen Umfeld habe ich zum Beispiel oft gehört, dass China viele Dinge mit wenig Qualität produziert. Die Produkte aus Deutschland dagegen hatten immer eine super Qualität. Das hat mir gefallen. „Made in Germany“ war in Kolumbien schon ein Begriff.

Martin: Nun bist du ja schon einige Jahre in Deutschland und konntest viele Erfahrungen sammeln. Wie unterscheidet sich dein Bild von Deutschland, das du hattest, mit der erlebten Realität und deinen Erfahrungen?
Ingrid: Natürlich gibt es in Deutschland Dinge, die anders sind als ich erwartet hatte. Im Großen und Ganzen haben sich meine Erwartungen jedoch erfüllt und ich behaupte einfach mal, dass meine Persönlichkeit gut nach Deutschland passt, obwohl ich ganz am Anfang schon eine Art Kulturschock hatte.

Martin: Was genau meinst du mit Kulturschock?
Ingrid: Insbesondere auf bestimmte Traditionen ticken die Menschen in Kolumbien einfach anders. Der Umgang untereinander ist dort viel offener. Freundschaften entwickeln sich viel schneller als hier in Deutschland. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass die Deutschen unfreundlich wären. Dahingehend habe ich nur positive Erfahrungen machen dürfen. In Deutschland Freunde zu finden dauert einfach länger.

Martin: Diese Offenheit fehlt dir also hier in Deutschland.
Ingrid: Ja, am Anfang hat mir das schon gefehlt, ich habe mich damals schon einsam gefühlt. Damit meine ich nicht primär schnell Freunde zu finden, sondern eher die Möglichkeit, mich mit den Menschen um mich herum offen und „einfach so“ zu unterhalten und auszutauschen, schnell ins Gespräch zu kommen. Inzwischen sehe ich aber schon den Vorteil, ein wenig mehr Abstand haben zu können. Ich bin mir der Vor- und Nachteile beider Kulturen schon sehr bewusst. Ich kann also nicht sagen, hier in Deutschland ist es super gut oder super schlecht, es ist einfach ein Kontrast zu Kolumbien.

Martin: Was verbindest du mit dem Begriff „Heimat“?
Ingrid: Heimat ist definitiv ein Gefühl und kein Ort. Ich habe mich in dieses Land verliebt, nicht nur weil ich hier meinen Mann kennengelernt habe, und wir zusammen mit unserem Sohn nun eine Familie sind. Das Gefühl hier in Deutschland zuhause zu sein habe ich schon ganz lange. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Martin: Deine Einbürgerung liegt ja noch nicht so lange zurück. Ist der dahinterliegende Einbürgerungsprozess passend zu dem Mangel an Fachkräften, den Deutschland gerne mit Menschen aus anderen Ländern ausgleichen möchte?
Ingrid: Der Einbürgerungsprozess war für mich ok. Nicht einfach, aber auch nicht super schwer. Nach meinem Studium der Elektrotechnik in Kolumbien wollte ich hier nochmal studieren, und ich konnte das auch tun. Ich meine, wenn du wirklich etwas erreichen möchtest, dann schaffst du das auch. Deutschland hat mich mit offenen Türen empfangen – sehr wohl musste ich Anforderungen erfüllen, die ich ganz in Ordnung finde.
Grundsätzlich halte ich es für essentiell, die Sprache des Landes zu lernen, in das man ausgewandert ist. Natürlich kann man in Deutschland auch nur mit Englischkenntnissen leben, wohnen und arbeiten. Das ist kein Problem. Wenn du dich jedoch richtig in ein Land, in eine Kultur integrieren möchtest, dann musst du auch die Sprache dieses Landes lernen und sprechen können. Das hat für mich auch etwas mit Respekt gegenüber den Deutschen, Deutschland und der deutschen Kultur zu tun.

Martin: Integration ist also keine Einbahnstraße?
Ingrid: Nein. Meiner Meinung nach sollte mindestens ein Basisinteresse vorhanden sein. Dazu gehört für mich einfach auch die Sprache zu lernen. Viele Menschen, mit denen ich zu tun habe, finden es gut, dass ich ihre Sprache spreche. Es war meine persönliche Entscheidung Deutsch zu lernen. Wie sollte ich, ohne die deutsche Sprache zu sprechen und zu verstehen, mich sonst mit der deutschen Kultur auseinandersetzen können? Ich finde Sprache als verbindendes Element super wichtig. Mag sein, es gibt Menschen, die das komplett anders sehen.

Martin: Musstest du schon Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung oder gar Rassismus machen?
Ingrid: Nein, noch nie! Aber ich kenne Menschen, z.B. aus Frankreich, die solche Erfahrungen schon machen mussten. Ja, vielleicht gab es ganz am Anfang Menschen, die keine Geduld hatten mit mir zu sprechen, da mein Deutsch damals so schlecht war und Englisch auch irgendwie nicht so praktikabel war. Daher war mir das Lernen der deutschen Sprache so wichtig, um mich auf Augenhöhe unterhalten zu können. Eine gemeinsame Sprache macht einfach den Unterschied.
Diskriminierung habe ich zu keinem Zeitpunkt erfahren. Nicht während des Studiums, noch während der Semesterferien, in denen ich in verschiedenen Unternehmen gearbeitet habe, noch hier bei meinem Arbeitgeber. Ganz im Gegenteil. Mir wurde immer und überall geholfen, ich fühlte mich akzeptiert und ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung.

Martin: Aufgrund der Schlagzeilen aus Kolumbien machst du dir sicherlich Sorgen um deine Angehörigen dort.
Ingrid: Ja, natürlich. Immer wenn ich in Kolumbien bin sehe ich keine Verbesserungen in der Politik, im Kampf gegen die Korruption, mit dem Krieg gegen die Guerillas und anderen paramilitärischen Gruppierungen. Ich sehe mit Sorgen in Kolumbiens Zukunft. 

Die Kriminalität ist immer noch sehr hoch, die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, der Wirtschaft geht es schlecht und die vielen venezolanischen Flüchtlinge machen die Situation auch nicht einfacher.

Martin: Wie sieht denn das Zusammenleben der vielen ethnischen Gruppen, auch den indigenen, in Kolumbien aus?
Ingrid: Das Zusammenleben funktioniert auf eine friedliche Art und Weise ganz gut. Die indigenen Gruppen haben Ihren Anteil an der kolumbianischen Kultur, auch wenn sie in der Minderheit sind. Sie leben, vom Staat behütet, eher zurückgezogen in ihren Gebieten. Der Großteil der kolumbianischen Kultur ist natürlich spanisch und katholisch geprägt. Es gibt in Kolumbien auch die Gruppe der Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven, die vor ungefähr 500 Jahren nach Kolumbien verschleppt wurden. All diese Ethnien bilden heute eine vielfältige kolumbianische Kultur. Das eigentliche Problem in Kolumbien sind die Guerillas und die Korruption und nicht die multiethnische Gesellschaft.

Martin: Zurück nach Deutschland und zur Sprachvielfalt. Mit wie vielen Sprachen wächst euer Sohn auf?
Ingrid: Mit drei Sprachen. Deutsch, Spanisch und Englisch. Zuhause sprechen wir Deutsch und Spanisch, in der Kita wird viel Englisch gesprochen. Unser Sohn findet das total cool.
Ich finde es in der heutigen internationalen Welt, in der wir leben, super wichtig, mehr als eine Sprache sprechen und verstehen zu können. Wenn ich als kleines Kind diese Möglichkeit gehabt hätte, wäre ich super dankbar gewesen.

Martin: Hast du in den acht Jahren, in denen du hier in Deutschland bist, bemerkt dass es mehr Rassismus und Diskriminierung gibt?
Ingrid: Ja … Nein … Jein. Ich weiß es nicht. Vielleicht dadurch, dass ich keine Probleme damit hatte. Natürlich habe ich gehört, dass es Menschen hier in Deutschland gibt die sich, aufgrund der (gefühlt) hohen Zuwanderungsraten von Ausländern, Sorgen machen. Sorgen, dass der Staat sich zu viel um die Zuwanderer kümmert, und nicht um „die anderen“ Probleme in Deutschland. Sorgen, dass dadurch die Kriminalität ansteigen könnte.

Martin: Bist du der Meinung, dass die Kriminalität in einem Land automatisch durch Zuwanderung oder Flüchtlinge steigt?
Ingrid: In Deutschland – nein. In Kolumbien ist das anders. Von meiner Mutter weiß ich, dass es seit einiger Zeit keine gute Idee ist, im Dunkeln mit der Tasche auf die Straße zu gehen.  Deutschland hat dieses komplexe Thema meiner Meinung nach überraschend gut gemeistert. Daher habe ich viel Respekt vor der Politik, die das hier in Deutschland möglich gemacht hat. Wenn ich manche Menschen in Deutschland über das Thema reden höre und das gegen meine Erfahrungen aus Kolumbien stelle, frage ich mich, ob diese Menschen keine anderen Probleme haben – es könnte auch hier wesentlich schlimmer sein.

Martin: Ich stelle in meinen Interviews immer die banale Frage „Was ist denn typisch Deutsch“?
Ingrid: (Lacht) Typisch deutsch ist, im Januar eines neuen Jahres alle Termine einzutragen. Typisch deutsch sind Strümpfe in Sandalen. Typisch deutsch ist, Wurst mit Senf zu essen.

Martin: Was vermisst du am Meisten aus Kolumbien?
Ingrid: Natürlich meine Mutter. Und das Feiern. Nicht, dass man in Deutschland nicht feiern würde, aber in Kolumbien gibt es einfach sehr viel mehr Möglichkeiten ohne Alkohol zu Feiern und zu tanzen – auf der Straße, beim Nachbarn, einfach überall. Tanzen macht einfach lockerer und es gibt unheimlich viel Spaß.

Martin: Wenn du dir die Entwicklung in der Welt über die letzten Jahre ansiehst und einen Wunsch frei hättest um Dinge anders oder besser zu machen, welcher wäre das?
Ingrid: Oh Mann, was für eine schwierige Frage (lacht und überlegt lange). Das Interesse der Politiker sollte mehr in die Richtung Kinder und die Bekämpfung der Armut gehen. Meiner Meinung nach fokussieren sich Politiker zu sehr auf ihren eigenen Vorteil und vergessen oft die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die ärmere Bevölkerung. Mein Wunsch wäre die Mentalität und die Prioritäten dieser Politiker zu verändern – mehr den sozialen Blick zu schärfen und weniger für das Geld in der eigenen Tasche.

Martin: Stimmt die Aussage deiner Meinung nach, dass wenn man noch nie außerhalb der eigenen Landesgrenzen war, der Blick auf die Dinge eingeschränkt ist und bleibt?
Ingrid: Ja, natürlich! Dein Blickwinkel verändert sich in dem Moment, in dem du andere Länder besuchst und mit den Menschen dort Kontakt hast. Die Offenheit, die du bekommst und erfährst ist einfach unglaublich. Du erkennst, dass du nicht der einzige Mensch auf dem Berg und nicht der Mittelpunkt der Welt bist: es gibt andere Menschen, es gibt andere Meinungen, es gibt so viele andere Einflüsse, andere Geografie, anderes Klima, andere Politiker, so viele Faktoren, die beeinflussen warum die Menschen so sind wie sie sind, und warum sie denken, was sie denken. Wenn du das nicht selbst erfährst und nicht mit eigenen Augen siehst, kannst du diese Menschen nicht verstehen.

Martin: Wir sollten also viel mehr miteinander und nicht übereinander sprechen.
Ingrid: Natürlich. Wir sind alle Menschen, egal woher wir kommen, egal welche Hautfarbe wir haben – wir sind alle Menschen. Wir haben alle unsere Ängste, Sorgen, Freude und Wünsche, und wir werden alle irgendwann sterben. Daher ist es egal woher wir kommen.

Martin: Machst du dir wegen dem faktischen Klimawandel und der aktuellen Klimapolitik Sorgen um euren Sohn?
Ingrid: Ja schon. Es ist schockierend wie sich das Klima ändert. Niemand weiß, was in 20 Jahren passiert. Wir, also mein Mann und ich, sind der Meinung, dass jetzt etwas passieren muss.

Martin: Müssten die Deutschen mehr für das Klima auf die Straße gehen? Sind wir Deutschen auch dahingehend eher zurückhaltend?
Ingrid: Nein, ich finde die Deutschen dahingehend nicht als zurückhaltend.
Wenn sie etwas nicht mögen, dann melden sie sich – wirklich. Das ist auch der Unterschied zu Kolumbien – hier in Deutschland gibt es für alles ein Gesetz oder eine Regel. Bezogen auf den Klimawandel ist die Reaktion von vielen Menschen für mich jedoch typisch: Es wird schon nicht so schlimm kommen. Viele Menschen glauben nicht, dass etwas schlimmes passiert.

Martin: Aber wir erleben das jeden Tag.
Ingrid: Mag sein, trotzdem glauben viele, dass es nicht so schlimm ist oder kommt.

Martin: Und trotzdem habt ihr euch entschieden ein Kind zu bekommen. Ich kenne Menschen, die aus diesem Grund keine Kinder bekommen möchten.
Ingrid: Ich habe in meinem Leben in Kolumbien bisher viel gesehen und auch erlebt – Armut und Krieg. Ich habe auch oft daran gedacht keine Kinder zu bekommen – bis ich meinen Mann kennengelernt habe. Er ist so offen und positiv und hat meine Meinung dadurch geändert.
Trotz meinen ursprünglichen Gedanken zu eigenen Kindern, liebe ich Kinder über alles. Kinder sind für mich „die echten Menschen“. Kinder sind offen, ehrlich und noch unbeeinflusst. Natürlich habe ich Angst, was in dreißig oder fünfzig Jahren sein wird, was kommen wird. Daher finde ich es super wichtig, dass die Politik etwas unternehmen muss, die richtigen Maßnahmen zu finden und auch umzusetzen.

Martin: Vielen Dank für das nette Interview und für deine Unterstützung für mein Projekt

Ich bin Deutsch bei der SG Stern Fotosparte Rastatt

Ich bin Deutsch bei der SG Stern Fotosparte Rastatt

Ich bin Deutsch bei der SG Stern Fotosparte Rastatt

Seit einigen Jahren bin ich Mitglied beim SG-Stern in der Fotosparte Rastatt. Vor einigen Wochen habe ich dort über mein Projekt „Ich bin Deutsch!“ einen Vortrag gehalten. Ziel meines Vortrages war es in erster Linie den aktuellen Stand meines Projektes und auch meine Vision seiner Weiterentwicklung vorzustellen.
Im Zuge dieses Vortrages habe ich auch meinen Rückzug aus der Fotosparte Rastatt zum Ende des Jahres bekannt gegeben. Grund dieses Rückzuges ist in erster Linie mein Projekt „Ich bin Deutsch“ welches, in einem positiven Sinne, einen großen Teil meiner Freizeit in Anspruch nimmt. Und das ist auch gut so.
Mein Dank geht an dieser Stelle an die Mitglieder der Fotosparte Rastatt für die gemeinsame Zeit.

Fotos: Tanja Plusczok

 

 

Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli

Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli

Sawsan Chebli ist Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Staatskanzlei. Zuvor war sie stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes unter Fank-Walter Steinmeier.

Offizielles Pressebild ©Sharon Back

Martin Wolfert: Ich habe in einem Interview gelesen, dass Sie sehr viel arbeiten. Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen, oder ist der Begriff falsch gewählt?
Sawsan Chebli: Ich kann mit dem Begriff Workaholic nicht viel anfangen. Ich liebe die Politik und meine Arbeit und kann das oft gar nicht so sehr von meinem Privatleben trennen. Denn was mich zum Beispiel als Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement antreibt, wo es um Demokratie und Zusammenhalt geht oder um den Kampf gegen Rechts, lege ich nicht einfach ab, sobald ich nach Hause gehe. Das ist eine Daueraufgabe, die mich auch als Privatperson bewegt.

Martin Wolfert: Trotz dieser langen Arbeitstage haben Sie sich die Zeit genommen, Teil von meinem jungen Projekt „Ich bin Deutsch!“ zu werden. Was hat Sie bewogen mitzumachen?
Sawsan Chebli: Klar! Solche Gespräche sind wichtig. Ich versuche gerade da stärker aktiv zu sein, wo die Scheinwerfer eben nicht sind. So bin ich viel in der Stadt unterwegs und besuche kleinere Vereine oder Initiativen, die wenig Sichtbarkeit haben. Das sind Termine, die mir am Herzen liegen. Sie zeigen mir, wie wichtig es ist, Menschen, die sich für den Zusammenhalt einsetzen, den Rücken zu stärken.

Martin Wolfert: Ihre Biografie ist eher ungewöhnlich und sollte meiner Meinung nach als Vorbild dienen. In den USA würde man sagen, Sie lebten den American Dream. Wenn man auf Deutschland sieht, dann sieht positive Resonanz anders aus. Warum glauben Sie ist das so? Weil Sie eine erfolgreiche und starke Frau sind? Ist das Neid?
Sawsan Chebli: Wenn man sich Aufsteiger in der Politik aus den USA anschaut, sieht man auch dort, dass das alles nicht so leicht ist. Alexandra Ocasio-Cortez zum Beispiel, ist eine Person, die stark mit Anfeindungen, Sexismus und Rassismus zu kämpfen hat. Sie wird auch bedroht. Es ist heute so, dass jeder, der Haltung einnimmt, für etwas steht, immer massive Gegenwehr erleben wird. Und je sichtbarer wir sind, desto radikaler die Angriffe. In dem Moment, in dem ich für die Öffentlichkeit sichtbar geworden bin und stark Position bezogen habe gegen rechts, wurde ich zum Feindbild Nummer eins der Rechten. 

Martin Wolfert: Ich glaube, dass Sie ein Vorbild für Jugendliche, gerade aus schwierigen Verhältnissen sind. Wie schafft man es mit den Startbedingungen, die Sie hatten, dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind? Ist das nur harte Arbeit, ist das Glück, hängt das von Mentoren oder von Rückhalt ab?
Sawsan Chebli: Das ist eine Kombination von ganz vielen Dingen. Ein wichtiger Aspekt ist der familiäre Rückhalt. Trotz fehlender eigener Bildung hatten meine Eltern schon immer ein starkes Bewusstsein dafür, dass Bildung wichtig ist. Dann gab es immer Personen, die an mich geglaubt haben. Ein Großteil ist auf jeden Fall eigener Ehrgeiz.

 Wir können nicht immer erwarten, dass jedes Kind diesen Ehrgeiz und diese Stärke hat, sich durchzuboxen. Das System muss hier viel stärker werden, als es jetzt ist, um niemanden abzuhängen. Wir müssen noch mehr Energie und Ressourcen hineinstecken, dass jedes Kind unabhängig vom Geldbeutel oder den Ausgangsbedingungen die Möglichkeit hat sich weiterzubilden. Damit meine ich nicht unbedingt ein höheres Studium, sondern auch eine vernünftige Ausbildung.

Martin Wolfert: Sie können in Berlin das Thema Bildung ein wenig anders handeln, weil Bildung ja Ländersache ist. Müsste es da Initiativen geben, weil ja nicht jedes Kind die gleichen Chancen bekommt?
Sawsan Chebli: Das ist eine der größten Aufgaben unserer Zeit. Mit Bildung hängt alles zusammen. Die Zukunftsfähigkeit unseres Landes hängt davon ab, ob wir es schaffen, unsere Kinder vernünftig auszubilden. 

Martin Wolfert: Wenn Sie junge Menschen, egal welcher Hautfarbe, motivieren wollten, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen, mit welchen Stories würden Sie versuchen diese jungen Menschen mitzunehmen?
Sawsan Chebli: Zuerst erzähle ich, wie ich meinen Weg gegangen bin, und versuche sie, dahingehend zu stärken, ihren eigenen Weg zu finden und nicht aufzugeben. Von den vielen Reaktionen, die ich gerade von jungen Menschen bekomme, ist es für sie auch sehr wichtig, dass ich mich durch die ganzen Hater und Hetzer nicht beirren lasse, sondern weitermache. Ich bin auch Mentorin bei einigen Projekten, in denen es darum geht, junge Migranten bei ihrem Werdegang zu begleiten. Sie zu beraten. Ihnen meine Netzwerke anzubieten. Mit Anfeindungen und Rassismus umzugehen. 

Martin Wolfert: Das heißt, Sie haben sich im Laufe ihres Lebens, was Rassismus und Diskriminierung angeht, ein dickes Fell zugelegt?
Sawsan Chebli: Ja, sonst funktioniert das ja gar nicht.

Martin Wolfert: Können Sie abschalten?
Sawsan Chebli: Manchmal, ja …

Martin Wolfert: Wer war denn die wichtigste Person auf Ihrem bisherigen Lebensweg?
Sawsan Chebli: In unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Menschen.

Martin Wolfert: Haben wir in Deutschland wieder ein Problem mit Antisemitismus?
Sawsan Chebli: Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, die das BMI kürzlich herausgegeben hat, dann sieht man einen fast zwanzigprozentigen Anstieg antisemitischer Vorfälle.
Daher: Ja. Aber nicht nur in Deutschland, sondern europaweit erleben wir einen Anstieg an Antisemitismus. Das macht mir Sorgen. Denn Antisemitismus ist für mich Gift für die Demokratie. Wenn Juden sich in unserem Land nicht sicher fühlen und nicht mehr sicher sind, dann ist auch unsere Demokratie bedroht.

Martin Wolfert: Die Tatsache, dass sie einen palästinensischen Hintergrund haben, bietet ja durchaus ein Spannungsfeld, weil einige Menschen vielleicht denken könnten, Sie wären zu pro israelisch?
Sawsan Chebli: Ja, nicht jeder unterstützt mein Engagement. Angriffe erlebe ich von beiden Seiten. Die meisten aber unterstützen meinen Kampf gegen Antisemitismus. Dass Juden und Muslime an einem Strang ziehen sollten, sehen doch sehr viele ein. Heute gibt es auch viel höhere Bereitschaft der muslimischen Akteure auf Juden zuzugehen, als es jemals vorher der Fall war.

Martin Wolfert: Dieser aufkommende Antisemitismus, hat das etwas mit den Phänomenen Trump oder Johnson zu tun?
Sawsan Chebli: Antisemitismus war schon immer da. Aber Antisemitismus tritt heute aggressiver, unverhohlener und viel selbstbewusster auf. Das hat mit der Stimmung in Europa und in unserem Land zu tun. Mit Rechtsruck und dem Verschieben von roten Linien. Mit Dingen, die die AFD sagt wie „… ein Vogelschiss in der Geschichte …“ und „… Mahnmal der Schande …“. Mit Dingen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, und auf einmal salonfähig sind.

Martin Wolfert: Bleiben solche Leute, wie Trump, Johnson etc., Ihrer Meinung nach nur eine Randnotiz der Geschichte?
Sawsan Chebli: Wenn man sich die heutige Entwicklung in der Welt ansieht, gibt es leider wenig Indizien, die darauf hindeuten, dass das nur ein kurzweiliges Phänomen ist.

Martin Wolfert: Wir werden uns also damit auseinandersetzen müssen …
Sawsan Chebli: Wir setzen uns alle in der Gesellschaft schon die ganze Zeit, jeden Tag, damit auseinander. Ich habe gerade gestern mit einer Zeitzeugin über Rassismus, über den Rechtsruck und über Ausgrenzung gesprochen. Sie hat gesagt, das erinnere sie alles ein wenig an früher. Wenn man das hört, dann wird einem übel.

Martin Wolfert: Meinen Sie die Gesellschaft in Deutschland hat etwas daraus gelernt und reagiert heute anders als früher?
Sawsan Chebli: Ich finde die Mitte zu still!

Martin Wolfert: Wie könnten wir die Mitte darin unterstützen lauter zu werden?
Sawsan Chebli: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man so still sein kann, wenn man in einem Land mit dieser hässlichen Geschichte lebt. Als Staatssekretärin versuche ich, Menschen zu motivieren, sich zu engagieren. Versuche, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, indem ich es auch laut tue, mich nicht kleinkriegen lasse und selbst Gesicht zeige. Ich würde mir wünschen, dass das mehr Menschen auch tun.

Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass sich in Berlin über siebenunddreißig Prozent der Menschen für andere engagieren, für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Auch das müssen wir uns immer vor Augen führen, gerade dann, wenn man das Gefühl hat: es wird alles immer schlimmer. Wir sehen auch Geflüchtete, die 2015 bei uns angekommen sind und heute mit anpacken, sich für die Gesellschaft engagieren. Mit unserem Projekt Farbenbekennen wollen wir genau dieses Engagement sichtbarer machen.

Martin Wolfert: Ist das vielleicht auch ein Stück mediengemacht, mehr solche Schlagzeilen zu produzieren …?
Sawsan Chebli: Ja. Ganz klar, auch Medien haben eine große Verantwortung. Denn es ist deutlich schwieriger, mit einer positiven Geschichte auf die Titelseite zu kommen. Berliner lokale Medien sind jedoch Vorreiter in Sachen Sichtbarkeit von Engagement. Das finde ich toll.

Martin Wolfert: Twittern Sie deswegen so viel? Um Aufmerksamkeit zu erreichen, um Menschen auf etwas hinzuweisen?
Sawsan Chebli: Ja, auch. Ich wirke so an politischen Diskursen mit und versuche mit meiner Stimme, Veränderungen herbeizuführen.

Martin Wolfert: Ist das eine neue Art von Politik? Aus der Sicht meiner Generation heraus fühlt es sich seltsam an, über Twitter Politik zu machen. Vor allem, wenn die Twitter-Konsumenten sich nicht die Mühe machen, über ihre Blase hinauszusehen.
Sawsan Chebli: Ich finde das zu kurz gegriffen, wenn man sagt, Twitter sei eine Blase. Zum Teil gibt es diese Blase, aber manche Tweets, die ich absetze, werden auch außerhalb von Twitter diskutiert und von anderen Medien breit aufgegriffen. Twitter ist eine von vielen Kommunikationstools, die uns heute zur Verfügung stehen.

Martin Wolfert: Wie definieren Sie den Begriff „Heimat“ für sich? Ist das ein Gefühl oder ein Ort?
Sawsan Chebli: Das hat ganz viel mit Gefühlslage zu tun. Das kann zu unterschiedlichen Zeiten ein unterschiedlicher Ort sein. Berlin und Deutschland sind jedoch immer Heimat. Egal, wo ich auf der Welt bin.

Martin Wolfert: Eine Frage, die ich allen Projektteilnehmern stelle: Gibt es etwas, was für Sie typisch Deutsch ist?
Sawsan Chebli: Typisch Deutsch hat so viele Facetten. Typisch deutsch ist Pünktlichkeit, Disziplin, Genauigkeit, Bürokratie. Aber auch Dauermeckerei ist typisch deutsch. Dass wir uns mit loben schwertun, ist typisch deutsch. Wenn ich mir das vielfältige Berlin ansehe, dann ist das typisch Deutsch. Berlin-Kreuzberg ist typisch Deutsch, aber auch Bayern mit den Dirndln und dem Oktoberfest ist typisch Deutsch und im Ausland sicher ganz stark mit Deutschland verbunden.
Wir haben in 2017 ein Projekt gestartet, das „Farbenbekennen“ heißt. Da haben wir Geflüchtete mit dem Slogan „Typisch Deutsch“ abgebildet. Weil sie für bestimmte Werte stehen. Für Hilfsbereitschaft, für Empathie, für Disziplin, dafür, dass sie mit anpacken, dass sie Verantwortung übernehmen. Das sind wichtige Tugenden, die ich auch als typisch Deutsch empfinde. Typisch Deutsch hat eben viele Gesichter.

Martin Wolfert: Frau Chebli, vielen Dank für das Interview und für Ihre Mitwirkung an meinem Projekt.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Stiftung gegen Rassismus, die mir im Rahmen des Projektes „Prominent gegen Rassismus“ das Interview mit Frau Chebli vermittelt hat.

Ich bin Deutsch – Dr. Karamba Diaby (MdB)

Ich bin Deutsch – Dr. Karamba Diaby (MdB)

Dr. Karamba Diaby (MDB) wurde im Senegal geboren und wuchs auch dort auf. Er studierte zuerst Biologie und Geologie auf Lehramt in Dakar und kam später über ein Stipendium in die damalige DDR, um dort an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg Chemie zu studieren. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau kennen. Danach promovierte Karamba Diaby zum Doktor der Naturwissenschaften. 2009 trat er in die SPD ein und wurde in den Stadtrat von Halle gewählt. Mit der Bundestagswahl 2013 konnte Karamba Diaby in den Bundestag einziehen.

Das Interview durfte ich im Büro von Karamba Diaby im Deutschen Bundestag machen.

Martin Wolfert: Viele Menschen, mit denen ich mich über den Begriff „Schwarz“ als Hautfarbe unterhalten habe, stören sich daran. In Ihrem Buch beziehen bzw. definieren Sie den Begriff „Schwarz“ für sich selbst nach der Definition der ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland). Können Sie verstehen, dass manche Menschen ein Problem mit diesem Begriff von „Schwarz“ haben?
Karamba Diaby: Es gibt ja keine einheitliche Definition davon. Ich kann mich mit dieser Beschreibung identifizieren. Die ISD hat sich dafür entschieden, genauso wie man sich in Amerika auf „Black“ mit großem „B“ geeinigt hat, auch in Deutschland den Begriff „Schwarz“ mit großem „S“ zu schreiben. Somit erhält man eine Zuordnung und nicht die Eigenschaft einer Hautfarbe. Aber ja, ich kann verstehen, dass die Gefahr besteht, dass nicht alle damit einverstanden sind.

Martin Wolfert: Darf ich diesen Begriff aufgrund Ihrer Definition im Rahmen des Interviews so verwenden?
Karamba Diaby: Ja, natürlich.

Martin Wolfert: Sie schreiben in Ihrem Buch über einen rassistischen Taxifahrer, der Sie nicht mitgenommen hat. Dieser Vorfall ist nun schon zwei Jahre her. Passiert Ihnen so etwas immer noch, nachdem Sie nun Bundestagsabgeordneter sind? Gehen die Menschen anders mit Ihnen um?
Karamba Diaby: Dazu muss man wirklich wissen, dass Rassismus inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Bei mir steht ja nicht auf der Stirn, dass ich Bundestagsabgeordneter bin. Daher werde ich wie jeder andere, wenn ich nicht gerade in Anzug und Krawatte herumspringe, mit bestimmten Blicken konfrontiert, und muss mich wie jeder andere auch mit bestimmten Bemerkungen auseinandersetzen.

Es ist wichtig, an den Stellen, an denen man sich nicht selbst in Gefahr bringt, so etwas nicht zuzulassen, nicht zu akzeptieren und nicht als Normalität anzusehen. Das ist mir wichtig.

Mir begegnet das nicht so oft, weil ich mich wahrscheinlich nicht in bestimmten Bereichen bewege. In den Milieus, in denen ich mich bewege, treffe ich vielleicht weniger solcher Leute. Aber im öffentlichen Raum merke ich schon immer diese bestimmten Blicke und auch diese unangenehmen Äußerungen.

Martin Wolfert: Wie ist das in Ihrem Wahlkreis, in Halle an der Saale? Dort sollte man Sie ja eigentlich kennen.
Karamba Diaby: In Halle ist das natürlich eine besondere Situation. Ich lebe dort nun schon seit 33 Jahren und ich habe Halle nie mehr als vier Wochen verlassen. Ich bewege mich dort zu 99 Prozent ohne Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Man kennt mich also da, und ich habe einen riesengroßen Zuspruch von Hallenserinnen und Hallensern. Das stärkt mich in meiner Arbeit. Zu wissen, dass diese Menschen, die Hass und Hetze verbreiten, nicht die Mehrheit unserer Gesellschaft sind. Das ist sehr, sehr wichtig für mich.

Martin Wolfert: Spüren Sie da einen Unterschied zwischen den neuen und alten Bundesländern?
Karamba Diaby: Zuerst ist mir wichtig, dass man „den Osten“ nicht unter Generalverdacht stellt. Rassismus ist kein Ostphänomen, ebenso wenig wie Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Wenn man sich die Wahlergebnisse der AFD ansieht, dann soll sie in den Landtagen in den neuen Bundesländern, nach aktuellen Prognosen, sehr stark sein. Aber auch wenn diese Zahlen bei fünfundzwanzig Prozent liegen, bedeutet dies, dass fünfundsiebzig Prozent der Deutschen keine AFD wählen.

Sehr wohl sollte man das Phänomen ernst nehmen. Auch sind manche Äußerungen innerhalb der AFD besorgniserregend. Unsere Demokratie ist jedoch immer noch sehr stark, diesen Menschen dieses schöne Land nicht zu überlassen.

Martin Wolfert: Wenn man sich das Phänomen „Trump“ ansieht, glauben Sie, dass so jemand – wenn auch in abgewandelter Form – versuchen könnte unsere Demokratie von innen auszuhöhlen?
Karamba Diaby: Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa spüre ich, dass die Menschen, die jeden Tag aufstehen, um die Demokratie zu verteidigen und für eine plurale Gesellschaft einstehen, immer noch laut sind. Auch wenn die Wahlergebnisse, die wir in den letzten Jahren registrieren müssen, nicht immer so befriedigend sind. Ich finde schon, dass ein gewisser Widerstand in dieser Gesellschaft da ist, der das verhindern kann.

Wenn man zum Beispiel die #unteilbar Demonstration in Berlin (Anmerkung: #unteilbar Demonstration vom 13.10.2018) nimmt: Dort sind über zweihunderttausend Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen Hetze und Spaltung demonstriert. Das sind ja positive Tendenzen.

Oder nehmen wir Chemnitz: Dort sind über fünfundsechzigtausend Menschen zu einem Konzert gegen rechts zusammengekommen. (Anmerkung: #wirsindmehr Konzert im September 2018).
Es gibt also schon genügend Demokratinnen, Demokraten und mündige Bürgerinnen und Bürger, die sagen: „Das lassen wir nicht zu!“. Das könnte noch mehr sein, meiner Meinung nach, und auch häufiger, aber ich sehe nicht, dass wir hier Verhältnisse wie in Amerika bekommen.

Martin Wolfert: Meine Frau, die in Deutschland geboren ist und einen afroamerikanischen Hintergrund hat, sperrt sich seit Jahren, die neuen Bundesländer aufgrund ihrer Hautfarbe zu besuchen. Sehr wohl wissend, dass dort nicht nur Rechtsradikale oder AFD-Wähler leben. Können Sie solche Ängste verstehen?
Karamba Diaby: Ja, ich kann das verstehen und auch nachvollziehen. Allerdings muss man dann auch sehen, dass die Vorurteile gegenüber Ostdeutschland vergleichbar sind mit den Vorurteilen von manchen Westeuropäern gegenüber Afrika. Es ist ja so: Was man nicht kennt, worüber man immer wieder Berichterstattungen registriert, kann man den Eindruck bekommen, dass es nur schwarz und weiß gibt, nur die eine Seite oder die andere Seite.

Ich persönlich sehe das anders. Ich nehme gerne das Beispiel mit Afrika, weil ich den Kontinent kenne, und weiß, wie die Berichterstattung hier ist und manche die Angst und die Befürchtung haben, dass „die dort“ nicht aufzuhalten sind. Das ist das gleiche Bild wie für viele, die noch nicht im Osten waren.
Man kann nicht ausschließen, dass man in bestimmten Teilen, zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Gruppen von Menschen konfrontiert wird, die sehr unangenehm sind.

Ich habe auch immer gesagt: Alles was in Ostdeutschland an bestimmten negativen Ereignissen passiert – damit meine ich nun nicht Ereignisse wie Heidenau oder Rostock vor gut zwanzig Jahren, oder auch Pegida – ich meine die Überfälle aggressiver Art, da waren die falschen Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie schon gesagt, ich lebe im Osten, seit über dreißig Jahren in Halle. Wir haben dort eine Universität mit sehr vielen internationalen Studierenden und internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben die Max-Planck-Forschungseinrichtungen mit sehr vielen internationalen Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt. Ja, von außen nimmt man eine extreme Situation wahr, und auch die Wahlergebnisse der AFD sind erschreckend.

Ich möchte Sie und Ihre Frau ganz herzlich nach Halle einladen, um einen Spaziergang zu machen, damit Sie ein anderes Bild bekommen. Das ist wirklich ernst gemeint.

Während meines Wahlkampfes 2013 hatte ich Besuch von einer kamerunstämmigen Journalistin, die mit ihrem Team aus Paris angereist war, um eine Reportage mit mir zu machen. Nach dem Interview in meinem Büro im Stadtzentrum von Halle wollte sie mit ihrem Team direkt mit dem Auto ins Hotel zurückfahren.
Ich habe dann gesagt: „Das geht nicht. Ihr könnt doch nicht einfach in diese Stadt kommen, ein Interview mit mir machen und dann gleich wieder gehen! Was nehmt Ihr denn für ein Bild von dieser Stadt mit … gar keines?“
Die haben sich gegenseitig einzeln angeguckt und ich habe gefragt:
„Kommt, was ist los, raus mit der Sprache.“
„Naja … sie ist doch Schwarz!“
„Na und, ich auch. Das ist doch eine Ausrede. Ich begleite euch zum Hotel – damit ihr nicht eure Meinung ändert – Ihr macht euch frisch und danach gehen wir zu Fuß durch Halle in die Kneipe. Ich nehme euch mit, ich zeige euch meine Stadt.“
Kaum in der Kneipe angekommen, haben mich die Leute, wir kennen uns ja alle, direkt angequatscht: „Du hast Gäste. Wer ist das und wo kommen sie her?“
Wir haben den ganzen Abend dort gequatscht.

Das heißt: Ich kenne das, was Ihre Frau sagt.

Noch ein Beispiel von einer Landsmännin aus Berlin, deren Mann (aus Würzburg in Süddeutschland) in Halle gearbeitet hat. Von zehn Wochenenden kam er acht nach Berlin, sie zwei nach Halle. Dabei hat sie die Wohnung, die sich sehr zentral in Halle befunden hat, nicht verlassen, sich nicht hinaus getraut. Immer wenn er argumentiert hatte, dass ich ja auch dort lebe, hat sie immer geantwortet, ich sei ja auch ein Mann und eine Ausnahme. Naja, man kann immer für alles eine Ausrede finden (lacht).

Er hat sich mir dann anvertraut, und mich um Hilfe gebeten. Diese Hilfestellung habe ich dann auch gegeben. Nun wohnt sie zusammen mit ihrer Tochter in Halle und hat keinerlei Probleme mehr, sich dort im öffentlichen Raum zu bewegen.

Ja, es ist was dran und es kann immer etwas passieren und Vorurteile gibt es immer. Also bitte, besuchen Sie mich mit Ihrer Frau in Halle.

 

Martin Wolfert: Vielen Dank für Ihre Einladung. Ich werde Sie beim Wort nehmen.
Karamba Diaby:  Genau, tun Sie das.

Martin Wolfert: Das heißt, um die Angst und die Vorurteile meiner Frau zu überwinden soll sie …
Karamba Diaby: … einfach hinkommen.

Letztes Beispiel vielleicht: Ich hatte einen Anruf einer Schwarzen Familie aus Stuttgart. Die Mutter meinte zu mir: „Meine Tochter ist verrückt geworden. Sie möchte unbedingt in Halle studieren. Sie ist doch meine einzige Tochter, das geht nicht.“

Ich fragte dann:  „Warum rufen Sie mich jetzt an?“ „Naja, meine Tochter nennt Sie als Beispiel, dass Sie da leben. Was können Sie mir denn über Halle erzählen? Ich antwortete: „Erstens, ich bin Schwarz!“ (lacht laut). „Das weiß ich“, antwortete Sie. Ich antwortete weiter: „Ich lebe schon lange hier und habe viele, viele Freunde und eine wunderbare Familie. Ich bin jeden Tag in der Stadt (damals war ich noch kein Mitglied des Bundestages).“ „Vielleicht haben Sie eine besondere Situation, in der man Sie nicht angreifen darf?“ „Nein, ich habe hier keine besondere Situation, ich bin einfach ein normaler Sozialarbeiter. Ich kann nicht garantieren, dass nie etwas passiert, das kann ich nicht. Aber ich kann Ihnen sagen, wir haben zweitausend internationale Studenten in Halle, darunter auch viele Schwarze Menschen.“ Die Eltern kamen dann mal zu Besuch nach Halle und das Thema mit dem Studieren in Halle war danach keines mehr. Also: einfach hinkommen.

Martin Wolfert: Wie besetzen Sie denn den Begriff „Heimat“?
Karamba Diaby: (Überlegt) Ich denke, Heimat kann man immer individuell definieren. Für mich persönlich ist Halle meine momentane Heimat. Heimat ist da, wo meine Familie ist, da wo meine Freunde sind, da wo ich mich sicher und geborgen fühle. Das heißt nicht, dass man nur eine Heimat haben kann. Man kann durchaus mehrere Heimaten haben.

Martin Wolfert: Also ist Heimat ein Gefühl?
Karamba Diaby: Ja, genau. Wenn man zum Beispiel Geflüchtete betrachtet, die wegen Folter oder Verfolgung aus ihrem Geburtsland fliehen mussten, wäre die Antwort auf Ihre Frage nicht so einfach zu beantworten.

Martin Wolfert: Wenn Sie im Senegal sind, sind Sie dann der Deutsche?
Karamba Diaby: (Lacht) Ja. Das ist nicht meine eigene Definition, ich fühle mich nicht so. Aber das ist halt so mit der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Dort (im Senegal) meinen die Menschen, meine Sprache und meine Gestik wäre nicht typisch senegalesisch. Ich ertappe mich auch selbst dabei, das ich sage: „ … wenn ich dann nach Hause fahre …“, dann sind sie im Senegal beleidigt. Das sind dann die gleichen Leute, die sagen: „Naja, so wie du deine eigene Muttersprache sprichst, du sprichst wie ein Ausländer. Du bist nicht mehr von hier.“ Man ist da zwischen zwei Fronten.

Martin Wolfert: Wie ist denn die senegalesische Gestik im Vergleich zur deutschen?
Karamba Diaby: Auch wenn man das nicht verallgemeinern kann, ist die Gestik viel beweglicher, temperamentvoller und manchmal auch laut. In Deutschland hat man dann gelernt anders, nicht mehr so laut, zu sprechen.

Martin Wolfert: In Ihrem Buch schreiben Sie, sie hätten sich zu dreiundneunzig Prozent integriert und auch an das deutsche Essen gewöhnt. Das war vor zwei Jahren. Ist diese Zahl inzwischen größer geworden?
Karamba Diaby: (Lacht) Nein, es ist nicht mehr geworden. Das ist eine Metapher, um einfach ein wenig zu provozieren und die Themen Integration und Assimilation in den Mittelpunkt zu stellen. Dreiunddreißig Jahre in Deutschland haben mich schon stark geprägt. Dazu gehören auch sicherlich meine Essgewohnheiten.

Wenn man zum Beispiel zu Jugendlichen sagt: „Kocht mal typisch Deutsch“, wird man überrascht sein, dass sie Nudeln mit Tomatensauce kochen.

Martin Wolfert: Das ist eine schöne Überleitung zu meiner „klassischen Frage“, was denn für Sie typisch Deutsch ist.
Karamba Diaby: Es gibt für mich kein „typisch Deutsch“. Es gibt ein gewisses Grundverständniss in der Gesellschaft über demokratische Grundwerte, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau, eine Vorstellung über den Umgang mit der Umwelt. Das sind Werte, die die Menschen in dieser Gesellschaft verbindet. Das Bindeglied ist dabei das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Das ist mein Leitbild, das Grundgesetz und nicht irgendwelche fiktiven „typisch deutschen Dinge“, die in dem Sinne gar nicht oder nicht mehr existieren. Die Vielfalt dieser Gesellschaft ergibt natürlich vielfältige kulturelle Elemente, die wir alle teilen. Vielleicht ticken die Menschen aus unterschiedlichen Bundesländern ein wenig anders. Die Essgewohnheiten in Niederbayern sind sicherlich andere als in Ostfriesland. Das ist Vielfalt, Teile dieser Gesellschaft. Auch die durch Einwanderung erbrachten Teile sind Teil dieses Landes. Diese Vielfalt ist es, was Deutschland für mich ausmacht.

Martin Wolfert: Mit dem Begriff des Leitbildes, fällt mir auch der Begriff der Leitkultur ein, den die CSU formuliert hat.
Karamba Diaby: Es gibt keine Leitkultur. Es gibt die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft, wie ich sie gerade beschrieben habe. Es gibt ein Leitbild, das geprägt ist durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Besonders Artikel 1 des Grundgesetzes, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau, die Religionsvielfalt. Das ist das Leitbild, zu dem ich mich bekenne und das ich auch verteidige.

Martin Wolfert: Mein Projekt ist ja nun nicht vergleichbar mit „Spiegel Online“ oder der „New York Times“. Was hat Sie dazu bewogen mit diesem Interview Teil meines Projektes zu werden?
Karamba Diaby: Ich finde Menschen spannend, die sich mit Schwarzen Menschen und Biographien beschäftigen. Ich finde, wir benötigen mehr Gesichter der Schwarzen Community in Deutschland, die zu Wort kommen. Wir brauchen viel mehr Gesichter in Deutschland, damit auch deutlich wird, dass auch viele Schwarze Menschen in Deutschland leben.

Nur so können Respekt und Wertschätzung gegenüber der Schwarzen Community wachsen. Deshalb bin ich bereit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Möglichkeit zu nutzen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Damit sollen andere angeregt werden, sich öffentlich zu äußern und ihre Arbeit darzustellen. Das war der Grund.

Martin Wolfert: Wenn in Deutschland mit einem Gerücht in Bezug auf Rassismus aufgeräumt werden müsste. Welches wäre das?

Karamba Diaby: Zum Beispiel, dass Rassismus nur die Sache einer kleinen Minderheit ist. Alltagsrassimus ist keine Frage der Randgruppen. Rassismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aktuellstes Beispiel ist der Mord an Walter Lübcke in Kassel. Das zeigt ja deutlich, dass die Geister der NSU immer noch in dieser Gesellschaft vorhanden sind. Das ist natürlich ernst zu nehmen.

Martin Wolfert: Mit Ausnahme der Grünen, der Linken und der SPD ist der prozentuale Anteil der Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund oder die eine andere Hautfarbe haben im einstelligen Bereich. Haben wir in Deutschland ein Problem, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht so oft richtig Fuß fassen können?
Karamba Diaby: Im Parlament sind wir im Moment bei ungefähr acht Prozent. Das finde ich ein Armutszeugnis, wenn man weiß, dass 23 Prozent der deutschen Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Auch in den anderen öffentlichen Ämtern ist dieser prozentuale Anteil nicht höher. Insbesondere bei den Lehrkräften hat man zum Teil über 80 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund in den Klassen. Sieht man jedoch ins Lehrerzimmer, ist die Vielfalt nicht so groß.

Das heißt: Wir müssen noch mehr machen, was die interkulturelle Öffnung der Gesellschaft angeht. Aus meiner Sicht gibt es da mehrere Dinge zu erwähnen.
Einerseits: Je mehr eine Mehrheitsgesellschaft eine Minderheit ablehnt, je weniger Respekt sie gegenüber den Leistungen von Menschen mit Migrationshintergrund entgegenbringt, umso mehr führt das dazu, dass diese sich nicht angenommen fühlen. Das kann dazu führen, dass sich Menschen dann zurückziehen. Es gibt also Stolpersteine, die auszuräumen sind.
Andrerseits: Wenn es um Politik und Engagement geht, dann sieht man ein unheimliches Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in kleineren Organisationen engagieren. Was mir fehlt, ist vielmehr, sich in den großen Organisationen der Mehrheitsgesellschaft deutlicher zu engagieren – in den Gewerkschaften, in den Parteien und in den Stiftungen.

Ich war zum Beispiel von 1997 bis 2004 Landesvorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung in Sachsen-Anhalt. Wir hatten damals glaube ich einen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte von 2 Prozent. Trotzdem habe ich damals gesagt, ich mache mit und war dann in einer deutschen, parteinahen Stiftung sechs Jahre lang der Landesvorsitzende.

Mein Plädoyer, mein Appell an jüngere Menschen mit Migrationshintergrund ist, dass die den Weg wagen, trotz aller Widrigkeiten und Konkurrenz, der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, dass existierende rassistische und ausgrenzende Tendenzen Hindernisse für eine Partizipation sind.

Martin Wolfert: Die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund gehen ja schon in der Schule los. Sollte da die Politik nicht aktiv für mehr Chancengleichheit einstehen?
Karamba Diaby:  Ich glaube schon, dass die Schule im Bereich der Bildung eine ganz große Säule darstellt. Unsere Schulbücher sind nicht so interkulturell geöffnet, wie man sich das wünschen würde. Da sollten viel mehr interkulturelle Aspekte eingebaut werden, damit sich Schüler mit Migrationshintergrund viel mehr repräsentiert fühlen.

Die andere Säule sollte sein, mehr Lehrkräfte einzustellen, um den Fokus auf Schulen in bestimmten sozialen Milieus so zu legen, dass die Beteiligung von allen gewährleistet ist und so die Chancen erhöht werden. Das hat nicht nur mit Migranten zu tun, sondern mit allen jüngeren Menschen aus bestimmten sozialen Milieus. Diese müssen stärker unterstützt werden.

Martin Wolfert: Aber Schule ist ja Ländersache.
Karamba Diaby:  Eine Forderung, die wir in diesem Zusammenhang diskutiert haben, ist den Föderalismus, dieses Kooperationsverbot weitestgehend zu lockern oder sogar ganz abzuschaffen. Leider finden wir da keine Mehrheit, da wir auf die Kooperation der Länder angewiesen sind. Auch in der politischen Familie sind wir da völlig unterschiedlicher Meinung: Ich würde sagen, die Links-Mitte-Parteien sind dafür, sogar die FDP. Die CDU/CSU und auch die AFD sind völlig dagegen.

 

Martin Wolfert: Wenn sie Kindern mit Migrationshintergrund einem Tipp geben wollten, wie man sich durch die angesprochenen Widrigkeiten kämpft. Welcher wäre das?
Karamba Diaby:  Für jeden Einzelnen muss natürlich die Möglichkeit geschaffen werden, sich in die Lage zu versetzen, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen. Also, dass er nicht in einer rassistischen und feindlichen Umgebung aufwächst, und in der Schule die Möglichkeit hat, genauso zu partizipieren wie jeder andere. Das muss die Gesellschaft schaffen.

Für die Person selbst, da wiederhole ich mich gerne, kann ich nur sagen: Auch wenn die Schwierigkeiten da sind, dass man sich immer als einen Teil des Gesamten sieht. Dass man sich nicht einladen lässt, sondern dass man sagt, ich möchte ein Teil davon sein, ich mache mit. So habe ich das immer gemacht.

Ein Beispiel: Ich war ja Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt Halle. Die Kommune hatte nun auf ein Angebot des Bundes zur Gründung eines Elternetzwerkes reagiert. „Toll!“ dachte ich, „Netzwerken, das ist gut. Da kann man diskutieren, was man in der Kommune verbessern kann.“ Ich bin dann zu einer Sitzung im Stadthaus mit vielleicht hundert Menschen gegangen. Dort habe ich mich nicht an den Rand gesetzt, sondern in die Mitte. Die Leiterin einer sozialen Einrichtung tippte mich von hinten an und fragte:

„Was habt ihr mit dem Thema zu tun?“
Ich antwortete: „Was heißt denn wir?“ (Schmunzelt) „Wir Brillenträger, wir mit kurzen Haaren, oder wir Naturwissenschaftler? Oder wir Väter vielleicht? Ich bin Vater, ich arbeite in Halle. Meine Kinder gehen in die Kindertagesstätte, meine Kinder gehen in die Schule. Deshalb bin ich ein Teil davon. Haben Sie noch eine Frage?“
„Nicht so ernst!“, war die Antwort.
Ich antwortete: „Hallo … Sie haben mich gefragt, was wir hier zu suchen haben und ich habe eine Gegenfrage gestellt, was meinen Sie mit wir?“
Danach hat sie sich woanders hingesetzt.

Martin Wolfert: Aber so mit dieser Situation umzugehen, dafür muss ja ein gewisses Selbstbewusstsein vorhanden sein. So ein Selbstbewusstsein zu erreichen bedarf ja einiges an Arbeit.
Karamba Diaby:  Ja, deshalb habe ich auch von Vorbildern und von Gesichtern gesprochen. Einige dieser Kinder brauchen Vorbilder, Gesichter und Narrative, die von anderen erzählt werden. Das ist ein langer, aber machbarer Weg. Ich denke, es gibt in unserem Land viele viele gelungene Beispiele. Die müssen nur bekannter gemacht werden.

Deshalb finde ich Ihre Arbeit toll, dass Sie zu den gehören, die das bekannt machen.

Martin Wolfert: Danke, ich versuche es. Letzte Frage. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Karamba Diaby:  (Überlegt) Wenn ich einen Wunsch frei hätte … wenn wir in den nächsten Jahren so viel in Schulen investieren, dass die aktuellen Ungleichheiten so verschwommen werden, dass jedes Kind in dieser Republik gleich schnell vorankommt.

Martin Wolfert: Herr Diaby, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Stiftung gegen Rassismus, die mir im Rahmen des Projektes „Prominent gegen Rassismus“ das Interview mit Dr. Karamba Diaby vermittelt hat.

Ich bin Deutsch – Kelvin

Ich bin Deutsch – Kelvin

Kelvin wurde als jüngstes von fünf Kindern, im westafrikanischen Benin in der Stadt Cotonou geboren. Cotonou ist die wirtschaftliche Hauptstadt von Benin und liegt direkt am Meer. Kelvin hat Wirtschaftsinformatik studiert, ist glücklich mit einer deutschen Frau verheiratet, und arbeitet für Europas größten Internetanbieter als Softwareentwickler.

Martin: Kelvin, leben deine Eltern noch in Benin?
Kelvin: Mein Vater wohnt noch dort, meine Mutter ist leider vor sechs Jahren gestorben.

Martin: Woher kommt dein Bezug zu Deutschland?
Kelvin: Mein Vater hat bis 1975 in Deutschland gelebt und studiert. Er gehörte damals zu den besten Schülern seines Jahrganges in seiner Schule und erhielt somit die Möglichkeit ein Stipendium in Europa zu bekommen. So kam er dann zum Studieren nach Deutschland.
Da er zum damaligen Zeitpunkt schon verheiratet war und auch Kinder in Benin hatte – meine älteren Geschwister – ging er nach seinem Studium wieder dorthin zurück , und wurde später zum technischen Direktor der Nationaldruckerei ernannt.
Auch mir war Europa (Frankreich und Deutschland) schon als Schulkind nicht unbekannt. Meine beiden ältesten Geschwister leben schon seit langer Zeit in Frankreich und in Deutschland. Durch viele Besuche und Urlaube wusste ich sehr früh, wie diese beiden Länder ticken.

Martin: Die Bindung deines Vaters an Deutschland scheint sehr eng zu sein.
Kelvin: Ja das stimmt. Zwei meiner Geschwister tragen immerhin deutsche Vornamen. Meine ältere Schwester Sabine, und mein älterer Bruder mit dem Doppelnamen Edgar, Manfred.

Martin: Wie bist du nach Deutschland gekommen?
Kelvin: Nach dem Abitur in Benin hatte ich die Möglichkeit nach Kanada, Frankreich oder nach Deutschland zu gehen. Aus persönlichen Gründen – ich mochte und mag das Land, und das gute Bier (lacht) – habe ich mich für ein Studium in Deutschland entschieden, obwohl es damals wegen der (französischen) Sprache „angesagt war“ in Quebec / Kanada zu studieren. Noch heute habe ich viele Freunde dort.

Martin: Was treibt dich an, Teil meines Projektes zu werden?
Kelvin: Ich finde dein Projekt wichtig, und ich möchte gerne meine Geschichte erzählen. Ich möchte damit darstellen, dass nicht jeder, der sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemüht, sich nur auf deren Vorteile konzentriert.

Lass mich das ausführen: Ja, es ist ein Vorteil die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen: Wenn man aus Benin kommt, dann benötigt man für jede Reise in ein anderes Land ein Visum. Dieses zu bekommen ist immer ein bürokratischer Aufwand, und es kam schon vor, dass das Visum zu spät ankam und ich deswegen z.B. einen Flug nach London verpasst habe. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen war also dahingehend eines meiner Ziele. Ich habe diesen Schritt nicht aus „Hartz IV Gründen“ gemacht. Nein, ich hatte und habe ja einen guten Job  und es wäre sicherlich „auch so gegangen“.
Versteh mich nicht falsch, ich fühle mich sehr wohl hier in Deutschland, ich bin ein Teil der deutschen Gesellschaft, bin sehr gut integriert und verwurzelt- vielleicht mehr als einige die hier geboren sind – warum also nicht das gute Gefühl mit dem Praktischen verbinden?

Während meines Studiums in Deutschland habe ich im Studentenwohnheim gelebt. Studentenwohnheime haben den Charme, den Vorteil, dass sich dort viele Nationalitäten treffen. Wir waren jung, nachrichtengetrieben und wir wollten die Welt verbessern. Daher führten wir sehr viele Debatten über Politik und über Globalisierung. Oft haben wir darüber gesprochen, ob wir nach dem Studium wieder in unsere Herkunftsländer zurück gehen sollen oder nicht, ob wir die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen sollen oder nicht …

Zurückzugehen war für mich keine Option, auch wenn ich weiß, dass Benin sicherlich von meinem Wissen mehr profitiert hätte als Deutschland. Aber, ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der sehr überzeugt von sich ist. Ich mag es nicht, wenn man mich zwingt etwas zu tun.
Während des Studiums habe ich dann Maria, meine jetzige Frau, kennengelernt, und ja, dann macht man halt seinen Weg.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt?
Kelvin: Ich habe die Erwartung, dass dein Projekt und die erzählten Geschichten der Teilnehmer – damit also auch meine, eher unübliche,  Story – vielleicht einigen Menschen hilft. Menschen die verzweifelt, und aus welchem Grund auch immer auf dem Weg hierher sind. Ich möchte ein Beispiel geben, das es geht, sich in Deutschland gut zu integrieren und Teil der Gesellschaft zu werden. Ich bin nicht mit einem Doktortitel nach Deutschland gekommen, ich habe mir meinen Status mit meinen eigenen Händen erarbeitet.

Martin: Was verbindest du mit dem Begriff „Heimat“?
Kelvin: Das ist eine interessante Frage. Ich bin der Meinung, ein Mensch kann mehrere Heimaten im Laufe seines Lebens haben.
Meine aktuelle Heimat ist Karlsruhe und der Stadtteil in Cotonou, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich dort bin – also in Cotonou – dann sind da die Gerüche, die mich an glückliche oder auch traurige Momente in meinem Leben erinnern. Wenn ich also zukünftig irgendwo anders leben sollte, und Karlsruhe besuchen würde, dann wäre das immer noch / auch eine Heimat für mich. Heimat ist also dort, wo man wichtige Teile seines Lebens verbracht und tiefe emotionale Bindungen aufgebaut hat. Ein Ort der das eigene Leben geprägt hat.

Martin: In einem kurzen Nebensatz hast du vorhin von Diskriminierung gesprochen. Was genau hast du damit gemeint?
Kelvin: (Überlegt lange) Bis heute habe ich da nur ein Bild im Kopf. Da habe ich mich richtig, richtig schlecht gefühlt und war echt angepisst.

Dieses Bild verfolgt mich bis heute: Vor vier Jahren wurde ich am Knie operiert und konnte in der Reha-Phase eine Zeit lang nur auf Krücken laufen. Damals habe ich im Stadtteil „Oststadt“ in Karlsruhe gewohnt. Dort gibt es auch einen kleinen Supermarkt, in dem ich quasi Stammkunde war, so dass mich eigentlich dort jeder kannte. Dort war ich also eine Kleinigkeit einkaufen. Vor dem Brotregal, neben der Fleischtheke, habe ich einen Moment länger gestanden und habe überlegt, ob ich gleich noch Brot kaufen sollte. Während des Überlegens hatte ich das Gefühl beobachten zu werden. Ich habe dann kein Brot gekauft, bin zur Kasse gegangen und habe bezahlt.
Kaum hatte ich – mit meinen Krücken – die Treppen vom Supermarkt hinter mir, kam der Schichtleiter des Supermarktes hinter mir hergelaufen und hat mich unfreundlich angesprochen: „Ah, Sie, warten Sie, sofort!“ Ich habe mich herumgedreht und mich gefragt, was los ist. Der Schichtleiter des Supermarktes fragte mich dann ob er meine Einkaufstasche kontrollieren könnte.
Offensichtlich war es so, dass der „stille Beobachter“ dem Schichtleiter gesteckt hat: „Der Schwarze da, der hat geklaut.“ Anstatt die Kassiererin zu fragen, ob ich bezahlt hätte, ist der Typ mir auf die Straße hinterhergerannt und wollte meine Tasche kontrollieren. Eine größere Erniedrigung, als zu behaupten, ich hätte geklaut, gibt es für mich nicht. Dieser Vorfall war zu Beginn der „Flüchtlingskrise“. Trotzdem muss man mich nicht in eine Schublade wegen meiner Hautfarbe stecken. Ich habe mich hinterher sehr, sehr schlecht gefühlt.

Zum Glück hat mir mein älterer Bruder vor vielen Jahren schon gesagt: „Kelvin, wenn du in diesem Land einkaufst, egal ob für einen Cent oder auch mehr, lass dir den Kassenzettel geben und nimm ihn mit. Dann kann dich keiner dumm anmachen und behaupten, du hättest etwas geklaut, weil du Schwarz bist.“
Dieser Rat meines Bruders hat nie meinen Kopf verlassen und ist dort gut abgespeichert.

Der Typ hat hinterher noch versucht sich zu entschuldigen, aber ich hatte so eine Wut im Bauch, dass ich diese Entschuldigung nicht angenommen habe.

Ein anderer Vorfall war auf dem Weg nach Bern, zu meiner heutigen Frau. Nach einer intensiven Arbeitswoche war ich müde und wollte einfach nur in Bern ankommen. An der Grenze muss man den Zug wechseln und es findet eine Kontrolle statt. „Natürlich“ wurde nur ich mit meiner kleinen Reisetasche kontrolliert. Also Kontrolle mit einem Hund und so. Da habe ich mich schon gefragt, was ich in meinem Leben bisher denn falsch gemacht habe. Schon damals hatte ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Trotzdem haben sie diese kontrolliert. Und du musst dabei noch ruhig bleiben, sonst lassen sie dich einfach länger warten.

Ansonsten habe ich eigentlich keine Diskriminierung erfahren oder gehört. Das liegt zum einen an meinem tollen Freundeskreis hier in Deutschland, den ich mir sehr genau ausgesucht habe. Und an meinen Kopfhörern die ich immer trage. Ich höre es also nicht, wenn jemand mich mit Worten diskriminieren würde.

Martin: Du hast gerade das Wort „Schwarz“ selbst in den Mund genommen. Auf dem Abschiedsfest der Karlsruher Wochen gegen Rassismus hatten wir ja eine rege und emotionale Diskussion über diesen Begriff, und ob dieser den politisch korrekt sei oder nicht.
Kelvin: Ja du hast recht, wir haben darüber diskutiert und ich habe mich gerade eben selbst als „Schwarzen“ bezeichnet. Ich wüsste gerade aber auch kein anderes Wort, das ich für mich selbst benutzen würde. Das wird schwierig für mich. Ob man nun dunkelhäutig sagt oder …

Martin: Was ist mit „People of color“?
Kelvin: Diese Bezeichnung mag ich gar nicht.

Martin: Warum?
Kelvin: „People of color“ … das ist ein Problem. Was ist den „Color“? Schon innerhalb meiner Familie wäre das mit farblichen Bezeichnungen schwierig. Meine Schwester und ich sind „heller“ meine Brüder sind „dunkler“. Wo ist da die Grenze? Bei „stark pigmentiert“? Prinzipiell finde ich es falsch, Gruppen von Menschen mit ihrer Hautfarbe zu bezeichnen. Die Bezeichnung „Weiß“ oder „Schwarz“ oder „Gelb“ empfinde ich einfach als falsch. Aber wenn man Menschen schon in Schubladen stecken muss, dann wäre mir eine Schublade mit einer Länderherkunft lieber. Also „Deutsche“ oder „Franzosen“ oder „Togolesen“. Dann sollte in der gesellschaftlichen Diskussion aber auch differenzieret, und nicht immer von „den Afrikanern“ gesprochen werden. Afrika besteht immerhin aus 54 Ländern. Mir wäre es aber lieber, wenn wir solche Bezeichnungen aus unserer Sprache herausnehmen würden.

Als ich das letzte Mal mit meiner Frau in Bayern, auf dem Land war – also da wo sie herkommt – hatte ich eine riesige Diskussion. Versteh mich nicht falsch, Bayern ist ein tolles Land, wo ich sehr gerne bin. Ihr Onkel hat dort ein Wirtshaus und wir waren dort auf eine Feier eingeladen. Dort war auch eine Clique, die sehr viel Wert auf bayrische Traditionen legt. Später am Abend, nach ein wenig Wein und Bier, habe ich mich zu der Clique gesetzt und wurde freundlich begrüßt. Einige kannten mich natürlich, andere wussten nur, dass ich mit Maria verheiratet bin.

Nach einigen Minuten wurde ich um die Beantwortung einer Frage gebeten, die ich bitte nicht persönlich nehmen sollte: „Ob ich ein Problem hätte, wenn man mich Neger nennt!
Nochmal … wo ist die Grenze mit der Farbe? Du beginnst bei „hoch Pigmentiert“ und endest bei „Neger“?
Ja natürlich!“ sagte ich, „Ich habe ein Problem damit!
Warum?“ „Naja, der Begriff hat einen echt negativen Touch für mich!„.
Also wolle man mir das dann erklären. Also das mit dem „Neger“.

Früher sei der Begriff doch überhaupt kein Problem gewesen. Ein Begriff, der doch auch von den Medien benutzt wurde.
Ja, mag sein.“ erwiderte ich. „Früher, als dein Opa das zu dir gesagt hat, war das vielleicht kein Problem. Aber heute ist dieser Begriff sehr wohl eines. Also geh doch weg damit! Heute ist das anders. Es gibt heute andere Regeln als früher.

Martin: Deine Frau und du, ihr seid ja wie meine Frau und ich ein „gemischtes Paar“. Habt ihr da schon negative Erfahrungen gemacht?
Kelvin: Ja. Nicht unbedingt in Deutschland. Eher wenn wir Urlaub, auch im europäischen Ausland machen und essen gehen. Die Rechnung bekommt immer meine Frau, nicht ich. Ich kann dir nicht sagen warum. Ich meine, ich bin immer gut angezogen und ich achte auf mein Äußeres. Das ist etwas was mich wirklich stört.
Das die Leute „doof kucken“, wenn sie uns zusammen sehen, das ist zwar traurig, aber wir haben uns daran gewöhnt.

Wir unterhalten uns oft darüber und wir denken, dass viele Menschen das Klischee vom „Schwarzen mit der dicken weißen Frau“ haben, der von ihr profitiert. Wenn diese Menschen dann uns sehen, die wir nicht in dieses Klischee passen, und dann auch noch erfahren das „sie“ Ingenieurin ist und „er“ Informatik studiert hat, dann mag das für diese Menschen überraschend sein.

Martin: Zur klassischen Frage in meinem Projekt. Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Kelvin: (Lange Pause) Hm, interessante Frage. Meiner Meinung nach zeigt dir „der Deutsche“ im Vergleich zu „dem Franzosen“, ob er dich mag oder nicht. Er ist ehrlich. Das gefällt mir, damit kann ich umgehen.

Und: wenn du hier in Deutschland ein Ziel hast, dieses kontinuierlich und zielgerichtet verfolgst, dann erreichst du dieses Ziel auch. Die Bürokratie in Deutschland gibt dir einen verlässlichen Weg vor, den du einschlagen musst, um dein Ziel zu erreichen. Du musst dich nur viel selbst informieren, und schlau machen

Martin: Wenn du den aufkommenden Populismus in Deutschland, Europa und den USA betrachtest und einen Wunsch für die Zukunft frei hättest … was wäre das für ein Wunsch?
Kelvin: Ich komme aus einem armen Land. Durch das politische Interesse meiner Mutter und auch durch das Lesen vieler geopolitischer Bücher weiß ich, dass die „armen Länder“ so arm sind, weil es uns hier so gut geht. Das Leute wie Trump oder so anfangen „sich selbst zu schützen“ finde ich unfair und traurig. Diese Leute sollten öfter in den Spiegel sehen und versuchen aus der Geschichte zu lernen. Die Flüchtlinge fliehen nicht nach Italien, weil die Sonne dort besser ist als in Afrika. Diese Menschen fliehen, weil sie gar keine andere Wahl mehr haben aus ihrer Armut zu entkommen.

Wir haben heute die Möglichkeit mehr zu produzieren als wir benötigen. Warum kann man diese Möglichkeit nicht für das gemeinsame Wohl aller Menschen nutzen? Warum gibt es immer Minderheiten die immer mehr, mehr und noch mehr haben wollen? Für was?
Mauern werden keine Probleme lösen, sondern nur verschieben. Wenn Menschen in Massen fliehen, per Boot, zu Fuß oder wie auch immer, diese Menschen werden kommen.

Ich habe auch einen Appell durch dieses Interview: Was helfen würde ist, wenn die deutsche Bevölkerung – du bist mit deinem Projekt ein Teil einer Bewegung, von der ich immer geträumt habe – die Sache selbst in die Hand nehmen würde. Die Politiker werden das nicht ändern. Die Politiker werden immer nur Geschichten erzählen, so wie der Jäger, der vom erfolgreichen Jagen im Wald erzählt. Nicht aber von den Fehlschlägen oder den Problemen.

Die Politiker sind viel zu sehr in den Netzen der Lobbyisten gefangen, um etwas ändern zu wollen. Die Bevölkerung muss mehr über die echten Tatsachen offen informiert werden. Es ist leider heute noch immer so, dass nur „die Elite“ Bescheid weiß und die breite Masse der Bevölkerung nicht. Die Politik wird uns keine ehrliche Antwort liefern, da sie nur von Wahltermin zu Wahltermin denkt. Jeder von uns muss aktiv seinen Teil dazu beitragen, um die aktuellen Probleme lösen zu können.

Daher arbeite ich gerne in der IT. Das Internet wird viel zu diesem „Prozess von unten“ beitragen. Früher mussten wir monatelang auf Briefe aus meinem Dorf warten, wenn diese überhaupt angekommen sind. Heute schickt mir mein Papa, mein Onkel innerhalb von Sekunden ein Bild über WhatsApp.
Die richtige Information ist das alles Entscheidende. Ich sage immer, das Internet macht die schlauen Leute schlauer und die dummen Leute dümmer. Das ist leider so.

Auf Politiker zu warten, die sagen: „Mach ein Projekt wie Ich bin Deutsch.“ das wird nicht vorkommen. So ein Projekt muss von uns kommen, also von euch, als gebürtige Deutsche. Das kommt besser an, als wenn ich so ein Projekt anfangen würde. Nur so kann man Dinge ändern. Initiativen wie die deine müssen mehr werden, nur somit wird der Populismus von alleine wieder verschwinden.
Auch die Situation mit der AFD wird sich entspannen. Das sind Leute, Angeber, die irgendwie in der Politik schnell auf der Leiter nach oben kommen möchten und in anderen Parteien als in der AFD keine Chance dazu haben.

Martin: Kelvin, vielen Dank für deine Zeit und für die Teilnahme an meinem Projekt.