Ich bin Deutsch – Ingrid

Ich bin Deutsch – Ingrid

Ingrid wurde in Kolumbien geboren und lebt seit acht Jahren in Deutschland. Sie ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn.

Martin: Du bist nach deinem Ingenieur-Studium der Elektrotechnik in Kolumbien gezielt nach Deutschland ausgewandert. Was waren deine Gründe dafür?
Ingrid: Seit meiner Kindheit bin ich ein Fan von Deutschland und war immer sehr wissbegierig, um immer mehr und mehr über das Land und seine Menschen zu erfahren. In der Schule fand ich die deutsche Geschichte spannend. Auch mit den beiden Weltkriegen habe ich mich intensiv auseinandergesetzt. Bei Weltmeisterschaften habe ich immer der deutschen Nationalmannschaft die Daumen gedrückt, damit sie gewinnt – und nicht die anderen.
Schon kurz nach der Schule hatte ich den Wunsch in ein anderes Land auszuwandern, (lacht) natürlich nach Deutschland. Ich kann die Gründe meiner Affinität zu Deutschland gar nicht genau in Punkten auflisten. Vielleicht als ganz banales Beispiel: schon als Kind mochte ich Wurst viel lieber mit Senf als mit Ketchup essen; im Gegensatz zu allen anderen Kindern und Erwachsenen.

Martin: Basiert deine Affinität zu Deutschland aufgrund familiärer Bande oder Verwandtschaft? Ingrid ist ja kein typisch kolumbianischer Vorname.
Ingrid: Das Interesse an Deutschland hat keine familiären Gründe oder Bande. Eine gute Freundin meiner Mutter hieß Ingrid. Meine Mutter hat mich also nach ihr benannt.

Wie gesagt, mein Interesse an Deutschland hat sich während der Schulzeit entwickelt, obwohl wir aufgrund der geografischen Lage mehr über die USA gelernt haben als über Deutschland. Aus meinem damaligen Umfeld habe ich zum Beispiel oft gehört, dass China viele Dinge mit wenig Qualität produziert. Die Produkte aus Deutschland dagegen hatten immer eine super Qualität. Das hat mir gefallen. „Made in Germany“ war in Kolumbien schon ein Begriff.

Martin: Nun bist du ja schon einige Jahre in Deutschland und konntest viele Erfahrungen sammeln. Wie unterscheidet sich dein Bild von Deutschland, das du hattest, mit der erlebten Realität und deinen Erfahrungen?
Ingrid: Natürlich gibt es in Deutschland Dinge, die anders sind als ich erwartet hatte. Im Großen und Ganzen haben sich meine Erwartungen jedoch erfüllt und ich behaupte einfach mal, dass meine Persönlichkeit gut nach Deutschland passt, obwohl ich ganz am Anfang schon eine Art Kulturschock hatte.

Martin: Was genau meinst du mit Kulturschock?
Ingrid: Insbesondere auf bestimmte Traditionen ticken die Menschen in Kolumbien einfach anders. Der Umgang untereinander ist dort viel offener. Freundschaften entwickeln sich viel schneller als hier in Deutschland. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass die Deutschen unfreundlich wären. Dahingehend habe ich nur positive Erfahrungen machen dürfen. In Deutschland Freunde zu finden dauert einfach länger.

Martin: Diese Offenheit fehlt dir also hier in Deutschland.
Ingrid: Ja, am Anfang hat mir das schon gefehlt, ich habe mich damals schon einsam gefühlt. Damit meine ich nicht primär schnell Freunde zu finden, sondern eher die Möglichkeit, mich mit den Menschen um mich herum offen und „einfach so“ zu unterhalten und auszutauschen, schnell ins Gespräch zu kommen. Inzwischen sehe ich aber schon den Vorteil, ein wenig mehr Abstand haben zu können. Ich bin mir der Vor- und Nachteile beider Kulturen schon sehr bewusst. Ich kann also nicht sagen, hier in Deutschland ist es super gut oder super schlecht, es ist einfach ein Kontrast zu Kolumbien.

Martin: Was verbindest du mit dem Begriff „Heimat“?
Ingrid: Heimat ist definitiv ein Gefühl und kein Ort. Ich habe mich in dieses Land verliebt, nicht nur weil ich hier meinen Mann kennengelernt habe, und wir zusammen mit unserem Sohn nun eine Familie sind. Das Gefühl hier in Deutschland zuhause zu sein habe ich schon ganz lange. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Martin: Deine Einbürgerung liegt ja noch nicht so lange zurück. Ist der dahinterliegende Einbürgerungsprozess passend zu dem Mangel an Fachkräften, den Deutschland gerne mit Menschen aus anderen Ländern ausgleichen möchte?
Ingrid: Der Einbürgerungsprozess war für mich ok. Nicht einfach, aber auch nicht super schwer. Nach meinem Studium der Elektrotechnik in Kolumbien wollte ich hier nochmal studieren, und ich konnte das auch tun. Ich meine, wenn du wirklich etwas erreichen möchtest, dann schaffst du das auch. Deutschland hat mich mit offenen Türen empfangen – sehr wohl musste ich Anforderungen erfüllen, die ich ganz in Ordnung finde.
Grundsätzlich halte ich es für essentiell, die Sprache des Landes zu lernen, in das man ausgewandert ist. Natürlich kann man in Deutschland auch nur mit Englischkenntnissen leben, wohnen und arbeiten. Das ist kein Problem. Wenn du dich jedoch richtig in ein Land, in eine Kultur integrieren möchtest, dann musst du auch die Sprache dieses Landes lernen und sprechen können. Das hat für mich auch etwas mit Respekt gegenüber den Deutschen, Deutschland und der deutschen Kultur zu tun.

Martin: Integration ist also keine Einbahnstraße?
Ingrid: Nein. Meiner Meinung nach sollte mindestens ein Basisinteresse vorhanden sein. Dazu gehört für mich einfach auch die Sprache zu lernen. Viele Menschen, mit denen ich zu tun habe, finden es gut, dass ich ihre Sprache spreche. Es war meine persönliche Entscheidung Deutsch zu lernen. Wie sollte ich, ohne die deutsche Sprache zu sprechen und zu verstehen, mich sonst mit der deutschen Kultur auseinandersetzen können? Ich finde Sprache als verbindendes Element super wichtig. Mag sein, es gibt Menschen, die das komplett anders sehen.

Martin: Musstest du schon Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung oder gar Rassismus machen?
Ingrid: Nein, noch nie! Aber ich kenne Menschen, z.B. aus Frankreich, die solche Erfahrungen schon machen mussten. Ja, vielleicht gab es ganz am Anfang Menschen, die keine Geduld hatten mit mir zu sprechen, da mein Deutsch damals so schlecht war und Englisch auch irgendwie nicht so praktikabel war. Daher war mir das Lernen der deutschen Sprache so wichtig, um mich auf Augenhöhe unterhalten zu können. Eine gemeinsame Sprache macht einfach den Unterschied.
Diskriminierung habe ich zu keinem Zeitpunkt erfahren. Nicht während des Studiums, noch während der Semesterferien, in denen ich in verschiedenen Unternehmen gearbeitet habe, noch hier bei meinem Arbeitgeber. Ganz im Gegenteil. Mir wurde immer und überall geholfen, ich fühlte mich akzeptiert und ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung.

Martin: Aufgrund der Schlagzeilen aus Kolumbien machst du dir sicherlich Sorgen um deine Angehörigen dort.
Ingrid: Ja, natürlich. Immer wenn ich in Kolumbien bin sehe ich keine Verbesserungen in der Politik, im Kampf gegen die Korruption, mit dem Krieg gegen die Guerillas und anderen paramilitärischen Gruppierungen. Ich sehe mit Sorgen in Kolumbiens Zukunft. 

Die Kriminalität ist immer noch sehr hoch, die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, der Wirtschaft geht es schlecht und die vielen venezolanischen Flüchtlinge machen die Situation auch nicht einfacher.

Martin: Wie sieht denn das Zusammenleben der vielen ethnischen Gruppen, auch den indigenen, in Kolumbien aus?
Ingrid: Das Zusammenleben funktioniert auf eine friedliche Art und Weise ganz gut. Die indigenen Gruppen haben Ihren Anteil an der kolumbianischen Kultur, auch wenn sie in der Minderheit sind. Sie leben, vom Staat behütet, eher zurückgezogen in ihren Gebieten. Der Großteil der kolumbianischen Kultur ist natürlich spanisch und katholisch geprägt. Es gibt in Kolumbien auch die Gruppe der Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven, die vor ungefähr 500 Jahren nach Kolumbien verschleppt wurden. All diese Ethnien bilden heute eine vielfältige kolumbianische Kultur. Das eigentliche Problem in Kolumbien sind die Guerillas und die Korruption und nicht die multiethnische Gesellschaft.

Martin: Zurück nach Deutschland und zur Sprachvielfalt. Mit wie vielen Sprachen wächst euer Sohn auf?
Ingrid: Mit drei Sprachen. Deutsch, Spanisch und Englisch. Zuhause sprechen wir Deutsch und Spanisch, in der Kita wird viel Englisch gesprochen. Unser Sohn findet das total cool.
Ich finde es in der heutigen internationalen Welt, in der wir leben, super wichtig, mehr als eine Sprache sprechen und verstehen zu können. Wenn ich als kleines Kind diese Möglichkeit gehabt hätte, wäre ich super dankbar gewesen.

Martin: Hast du in den acht Jahren, in denen du hier in Deutschland bist, bemerkt dass es mehr Rassismus und Diskriminierung gibt?
Ingrid: Ja … Nein … Jein. Ich weiß es nicht. Vielleicht dadurch, dass ich keine Probleme damit hatte. Natürlich habe ich gehört, dass es Menschen hier in Deutschland gibt die sich, aufgrund der (gefühlt) hohen Zuwanderungsraten von Ausländern, Sorgen machen. Sorgen, dass der Staat sich zu viel um die Zuwanderer kümmert, und nicht um „die anderen“ Probleme in Deutschland. Sorgen, dass dadurch die Kriminalität ansteigen könnte.

Martin: Bist du der Meinung, dass die Kriminalität in einem Land automatisch durch Zuwanderung oder Flüchtlinge steigt?
Ingrid: In Deutschland – nein. In Kolumbien ist das anders. Von meiner Mutter weiß ich, dass es seit einiger Zeit keine gute Idee ist, im Dunkeln mit der Tasche auf die Straße zu gehen.  Deutschland hat dieses komplexe Thema meiner Meinung nach überraschend gut gemeistert. Daher habe ich viel Respekt vor der Politik, die das hier in Deutschland möglich gemacht hat. Wenn ich manche Menschen in Deutschland über das Thema reden höre und das gegen meine Erfahrungen aus Kolumbien stelle, frage ich mich, ob diese Menschen keine anderen Probleme haben – es könnte auch hier wesentlich schlimmer sein.

Martin: Ich stelle in meinen Interviews immer die banale Frage „Was ist denn typisch Deutsch“?
Ingrid: (Lacht) Typisch deutsch ist, im Januar eines neuen Jahres alle Termine einzutragen. Typisch deutsch sind Strümpfe in Sandalen. Typisch deutsch ist, Wurst mit Senf zu essen.

Martin: Was vermisst du am Meisten aus Kolumbien?
Ingrid: Natürlich meine Mutter. Und das Feiern. Nicht, dass man in Deutschland nicht feiern würde, aber in Kolumbien gibt es einfach sehr viel mehr Möglichkeiten ohne Alkohol zu Feiern und zu tanzen – auf der Straße, beim Nachbarn, einfach überall. Tanzen macht einfach lockerer und es gibt unheimlich viel Spaß.

Martin: Wenn du dir die Entwicklung in der Welt über die letzten Jahre ansiehst und einen Wunsch frei hättest um Dinge anders oder besser zu machen, welcher wäre das?
Ingrid: Oh Mann, was für eine schwierige Frage (lacht und überlegt lange). Das Interesse der Politiker sollte mehr in die Richtung Kinder und die Bekämpfung der Armut gehen. Meiner Meinung nach fokussieren sich Politiker zu sehr auf ihren eigenen Vorteil und vergessen oft die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die ärmere Bevölkerung. Mein Wunsch wäre die Mentalität und die Prioritäten dieser Politiker zu verändern – mehr den sozialen Blick zu schärfen und weniger für das Geld in der eigenen Tasche.

Martin: Stimmt die Aussage deiner Meinung nach, dass wenn man noch nie außerhalb der eigenen Landesgrenzen war, der Blick auf die Dinge eingeschränkt ist und bleibt?
Ingrid: Ja, natürlich! Dein Blickwinkel verändert sich in dem Moment, in dem du andere Länder besuchst und mit den Menschen dort Kontakt hast. Die Offenheit, die du bekommst und erfährst ist einfach unglaublich. Du erkennst, dass du nicht der einzige Mensch auf dem Berg und nicht der Mittelpunkt der Welt bist: es gibt andere Menschen, es gibt andere Meinungen, es gibt so viele andere Einflüsse, andere Geografie, anderes Klima, andere Politiker, so viele Faktoren, die beeinflussen warum die Menschen so sind wie sie sind, und warum sie denken, was sie denken. Wenn du das nicht selbst erfährst und nicht mit eigenen Augen siehst, kannst du diese Menschen nicht verstehen.

Martin: Wir sollten also viel mehr miteinander und nicht übereinander sprechen.
Ingrid: Natürlich. Wir sind alle Menschen, egal woher wir kommen, egal welche Hautfarbe wir haben – wir sind alle Menschen. Wir haben alle unsere Ängste, Sorgen, Freude und Wünsche, und wir werden alle irgendwann sterben. Daher ist es egal woher wir kommen.

Martin: Machst du dir wegen dem faktischen Klimawandel und der aktuellen Klimapolitik Sorgen um euren Sohn?
Ingrid: Ja schon. Es ist schockierend wie sich das Klima ändert. Niemand weiß, was in 20 Jahren passiert. Wir, also mein Mann und ich, sind der Meinung, dass jetzt etwas passieren muss.

Martin: Müssten die Deutschen mehr für das Klima auf die Straße gehen? Sind wir Deutschen auch dahingehend eher zurückhaltend?
Ingrid: Nein, ich finde die Deutschen dahingehend nicht als zurückhaltend.
Wenn sie etwas nicht mögen, dann melden sie sich – wirklich. Das ist auch der Unterschied zu Kolumbien – hier in Deutschland gibt es für alles ein Gesetz oder eine Regel. Bezogen auf den Klimawandel ist die Reaktion von vielen Menschen für mich jedoch typisch: Es wird schon nicht so schlimm kommen. Viele Menschen glauben nicht, dass etwas schlimmes passiert.

Martin: Aber wir erleben das jeden Tag.
Ingrid: Mag sein, trotzdem glauben viele, dass es nicht so schlimm ist oder kommt.

Martin: Und trotzdem habt ihr euch entschieden ein Kind zu bekommen. Ich kenne Menschen, die aus diesem Grund keine Kinder bekommen möchten.
Ingrid: Ich habe in meinem Leben in Kolumbien bisher viel gesehen und auch erlebt – Armut und Krieg. Ich habe auch oft daran gedacht keine Kinder zu bekommen – bis ich meinen Mann kennengelernt habe. Er ist so offen und positiv und hat meine Meinung dadurch geändert.
Trotz meinen ursprünglichen Gedanken zu eigenen Kindern, liebe ich Kinder über alles. Kinder sind für mich „die echten Menschen“. Kinder sind offen, ehrlich und noch unbeeinflusst. Natürlich habe ich Angst, was in dreißig oder fünfzig Jahren sein wird, was kommen wird. Daher finde ich es super wichtig, dass die Politik etwas unternehmen muss, die richtigen Maßnahmen zu finden und auch umzusetzen.

Martin: Vielen Dank für das nette Interview und für deine Unterstützung für mein Projekt

Karlsruher Wochen gegen Rassismus – Retrospektive

Karlsruher Wochen gegen Rassismus – Retrospektive

Karlsruher Wochen gegen Rassismus 2019 – Retrospektive

Die 6. Karlsruher Wochen gegen Rassismus (KWgR) sind vorbei, und ich möchte meine Learnings und Erfahrungen in dieser Retrospektive zusammenfassen.

Da ich Teilnehmer und „offizieller Pressefotograf des Kulturamtes Karlsruhe“ war, werde ich beide Sichtweisen beleuchten.

Generell betrachtet sollte es viel mehr Veranstaltungen wie die KWgR in Karlsruhe, in jeder Stadt in Deutschland, Europa und der Welt geben. Und zwar jedes Jahr, und nicht nur alle zwei Jahre. Das Argument „der Haushalt wurde gekürzt“ hinkt: eine „positive Presse“ einer solchen Veranstaltung ist viel mehr wert, als die schwarze Null im Haushalt. Über die Monate gesehen, sind Schlagzeilen über rechte, rechtsradikale, antidiversitäre und flüchtlingsfeindliche Übergriffe viel schädlicher, als „ein wenig“ Geld und Ressourcen für eine solche Veranstaltung auszugeben. Ja, mag sein, dass die Stadt in ihrem Haushalt sparen muss, da es ja andere Prestigeprojekte gibt. Aber warum sponsort das Land oder der Bund so eine Veranstaltung nicht (mehr)?
Die Aussage „Wir schaffen das“ hört nicht mit der Aussprache dieser geflügelten Worte auf. Da müssen Taten und finanzielle Mittel fließen, und sich nicht nur auf das Engagement Einzelner verlassen werden.

Ein sehr prägendes und leider nicht so schönes Erlebnis musste ich auf der Abschlußveranstaltung – dem Vielfaltfest – miterleben: 
Die Veranstaltung wurde von „Yakagnambé“ eröffnet, einer Schülerperkussionsgruppe aus verschiedenen Karlsruher Schulen. 
Die Vorführung war klasse, das Tollhaus gut gefüllt … bis ungefähr 10 Minuten danach.
Was war geschehen?
Ganz einfach: Kinder und Eltern hatten „ihre“ Vorführung und sind danach nach Hause gegangen. 

Liebe Eltern: was vermittelt ihr denn euren Kindern denn für Werte? 
„Euer“ Kind hat „seine“ Veranstaltung über die Bühne gebracht, man hat damit seine Schuldigkeit gegenüber dem Thema der KWgR getan und kann danach sofort wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Was ist denn mit einem „Miteinander“ einem „danach Andere kennenlernen und sich austauschen“? 

Da eine kritische Auseinandersetzung immer wichtig ist, und nur daraus etwas gelernt werden kann habe ich mit kritischen Worten begonnen.

Die KWgR war eine tolle und auch wichtige Veranstaltung der Stadt Karlsruhe die, aus meiner Sicht, Brücken gebaut und Menschen zusammengebracht hat und ich nehme viele, sehr positive Eindrücke, neue Denkweisen und Ideen für mich mit. 

Die KWgR 2019 aus meiner Teilnehmersicht

Was soll ich sagen: die Erfahrung, mein Projekt als Speaker im Ständehaussaal vortragen zu dürfen war eine erhebende und zugleich auch eine sehr herausfordernde. Klar war, ich würde „Erfahrungen“ aus  Vorträgen über WordPress, Web- oder Servertechnik mitbringen. Und doch hatte ich einen Heidenrespekt vor meinem Vortrag über mein gesellschaftspolitisches Projekt vor einem „nichttechnischen“, vielleicht intellektuellen und mir weitgehend unbekanntem Publikum.

Meine Nervosität ware in den ersten Minuten greifbar. Diese Anspannung hat sich dann aber recht schnell gelegt, und am Ende meines Vortrages war da dieses erhebende, und latentes Gefühl des „ich habe es ganz gut geschafft und meine Botschaft gut rübergebracht“. 
Das Einbinden von Kurzvorträgen von Mirja, Senad und Zolana hat meinen Vortrag in Summe  zusätzlich aufgelockert und ich konnte die Pausen gut zum Runterkommen nutzen.

Das Feedback, nicht nur direkt nach meinem Vortrag, sondern auch noch Tage und Wochen danach war durchweg sehr positiv und hat mich ehrlicherweise überrascht, da meine Eigenwahrnehmung nicht ganz so positiv war.

Tell the long story short: an diesem Abend habe ich direkt gespürt, dass ich mit meinem Projekt „Ich bin Deutsch!“ Menschen erreichen, und sie zum Nachdenken bringen kann. Ich habe gespürt, ass es sich lohnt für seine Sache aufzustehen und darüber zu sprechen. Nicht nur der Sache wegen. Sondern um zu zeigen, dass es in einer Demokratie wichtig und notwendig ist, sich auch ausserhalb von Parteien, Vereinen, Verbänden gesellschaftspolitisch zu engagieren und Menschen zusammenzubringen. 

Das haben wohl auch die Organisatoren der KWgR so gesehen: schon direkt nach meinem Vortrag wurde ich gefragt, ob ich auf der Abschlussveranstaltung mit einem reduzierten Vortrag nochmals 5 Minuten über mein Projekt sprechen wolle. Ja, ich wollte 🙂

An dieser Stelle findet der geneigte Leser die Vortragstexte von Mirja, Senad, Zolana und mir als PDF.

Die KWgR 2019 aus einer generellen und auch speziellen „Presse-Fotografensicht“

Das „Presse-Fotografen-Leben“ ist echt anstrengend und ich bin froh, dass ich damit nicht meine Brötchen verdienen muss. Die zwei Wochen „Ausflug“ haben zwar Spaß gemacht und das sehr positive Feedback darüber, dass meine Bilder „im positiven Sinne anders“ seien, hat mich in meiner Meinung bestärkt, fotografisch auf dem richtigen Weg zu sein.

Wo Licht ist, ist immer auch Schatten: nach zwei Wochen der Doppelbelastung – 8 – 10 Stunden im IT-Hauptjob und abendlichem Fotografieren und „abendlichem abliefern“ von Bildern für Social-Media – war ich echt bedient und der Urlaub danach war mehr als notwendig.

Trotzdem war es wichtig, diese Erfahrung gemacht zu haben. Es war und ist eine sehr gute Idee, die Fotografie „nur“ als Nebenjob auszuführen. So bewahre ich mir den Spaß an der Fotografie, da ich „will“ und nicht „muss“. Dieses Wollen hat sich positiv auf die Motiv- und Bildsprache ausgewirkt.

Meine ganz persönlichen fotografischen Höhepunkte habe ich hier (und auch auf meinem privaten Fotoblog) bereit gestellt:

 

Ich bin Deutsch! – Mirja

Ich bin Deutsch! – Mirja

Das Gespräch mit Mirja habe ich bei ihr Zuhause geführt.
Da die Familiengeschichte von Mirja Kon-Thederan eine sehr faszinierende ist, möchte ich ihr gerne mehr Platz lassen.

Mirja hat polnische, deutsche und britische Wurzeln. Ihre Großeltern väterlicherseits stammen aus Polen, mütterlicherseits stammt die Familie aus Thüringen.

Mirjas polnischer Großvater war studierter Textilingenieur und Inhaber einer Jutefabrik in Tschenstochau. Ihre polnische Großmutter war auf einem Gutshof aufgewachsen und hatte eine Handelsschule besucht. Sie war eine kluge und sehr lebenspraktische Frau. Das Gespür, dass es Krieg geben würde und man aus dem nahe bei Krakau liegenden Tschenstochau – dem damaligen Wohnort und Geburtsort von beiden – weg musste, hatte sie daher schon früh. Deshalb floh sie mit ihrem kleinen Baby, Mirjas Vater, der im Juli 1939 in Krakau geboren worden war, schon vor dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 Richtung Osten – trotz des schrecklichen Polenhasses von Stalin – und nicht in den Westen in Richtung von Hitler und den Deutschen. Dies schien insbesondere deshalb die bessere Wahl, da die Familie zwar nicht den jüdischen Glauben praktizierte, aber gemäß dem jüdischen Religionsgesetz Halacha, das regelt, dass sich das Jüdischsein nach der Mutter richtet, und auch nach Hitlers rassistischer Ideologie als jüdisch galt. Damit war sie den Nazis als jüdisch bzw. nicht-arisch identifizierbar und potentiell der Vernichtung geweiht. Mirjas Großvater hatte da noch nicht fliehen wollen, da er nicht glaubte, dass ein Krieg bevorstand – oder weil er dies als Reservist der polnischen Armee nicht konnte. Erst später fand sich die Familie im russisch besetzten ostpolnischen Lemberg wieder. Von dort wurden sie dann im Juni 1940 per Zug in ein Zwangsarbeitslager beim westrussischen Joschkar-Ola (ca. 750 km östlich von Moskau) deportiert, wo Mirjas Großvater Bäume für Stalin fällen musste.

Als Stalin nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 aus polnischen Gefangenen der GULAGs die sogenannte „Anders-Armee“ aufstellte, wurde Mirjas Großvater mit seiner Familie freigelassen und in diese Armee eingezogen und musste deswegen in einer mühsamen Tour nach Süden ziehen. Auf diesem Treck erkrankte Mirjas Vater an einer schweren Diphterie, durch die er erblindete und fast ertaubte. Über eine Zwischenstation in Taschkent kam die Familie dann ans Kaspische Meer, wo Mirjas Großvater endlich zur Armee stieß. Diese war von Stalin zwischenzeitlich an die Engländer abgetreten worden und wurde deshalb über das Kaspische Meer und den Iran in den Nahen Osten gebracht und dort sowie später in Italien militärisch eingesetzt. Mirjas Großmutter blieb mit ihrem Sohn im Iran und dann in einem Flüchtlingslager in Karatschi im damaligen englischen Indien. Von dort wurden sie mit einem Teil der anderen jüdischen Flüchtlinge nach einiger Zeit mit dem Schiff nach Palästina (damals britisches Mandatsgebiet) gebracht.

Als Teil der britischen Armee kam Mirjas Großvater vor Kriegsende nach England. Deshalb konnten Frau und Kind noch kurz vor Kriegsende über Glasgow ebenfalls nach England kommen. Nach der Demobilisierung der britischen Armee sind sie dann zusammen in London sesshaft geworden und wurden 1950 britische Staatsbürger.

Die komplette engere Familie, die im deutsch besetzten Westpolen verblieben war, wurde dort von den Nazis ermordet. Die restlichen engeren Familienmitglieder, die wie Mirjas Großeltern zuerst nach Osten geflohen waren, wurden nach dem Überfall auf Russland von deutschen Truppen ein- und überholt und ebenfalls ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben. Mirjas Großmutter hat bis zu ihrem Tod 2011 gehofft, mehr „Spuren“ ihrer Lieblingsschwester zu finden.

Mirjas Vater genoss in Großbritannien eine ausgezeichnete schulische und universitäre Ausbildung. Wegen seiner Behinderung besuchte er von Kindheit an verschiedene Internate. Dann studierte er zunächst an der Universität Oxford Jura und anschließend am Spurgeons College (einer Hochschule in London) Theologie, nachdem er sich als Baptist zum Christentum bekannt hatte. Nach einem Studienaufenthalt in den USA schrieb er sich an der Universität Zürich ein und lernte dort Mirjas Mutter kennen. Diese stammte aus Norddeutschland und studierte dort auch Theologie. Die beiden heirateten und gingen zunächst nach England zurück, da sie sich dort für ihn bessere Berufsaussichten versprachen. Aus „Heimweh“ zur Schweiz wollte Mirjas Vater allerdings bald zurück. Da eine Niederlassung in die Schweiz jedoch nicht möglich war, zogen die beiden mit der 1980 in London geborenen und inzwischen zweijährigen Mirja möglichst nah an die Schweizer Grenze an den Hochrhein – und dies, obwohl er aufgrund seiner Familiengeschichte verständlicherweise Vorbehalte hatte gegen „alles Deutsche“. Spürbar war das auch an seinem Widerwillen, seine Kriegsopferentschädigungsrente anzunehmen, die er zum Glück erhält. Er tat sich viele Jahre schwer damit, das ihm zustehende Blindengeld überhaupt zu beantragen. Er wollte nie deutscher Staatsbürger werden und ist es bis heute nicht. Aber – inzwischen – fühlt er sich für seine Verhältnisse hier geradezu „zu Hause“.

Durch ihren britischen Vater hat Mirja eine doppelte Staatsbürgerschaft, und selbst ihre Kinder haben diese durch Geburt automatisch bekommen. Die biografischen Brüche im Leben  ihrer Eltern haben auch bei ihr hinsichtlich ihrer Identität und des Gefühls der Beheimatung tiefe Spuren hinterlassen. Sie lebt mit kleinen Unterbrechungen seit 2003 in Karlsruhe, und erst seit einigen wenigen Jahren fühlt sie sich hier zum ersten Mal in ihrem Leben irgendwo „zu Hause“ und angekommen. Ihr Engagement in der ‚AG Garten der Religionen‘ hat maßgeblich dazu beigetragen.

Martin: Mirja, Ihr Name ist ja sehr ungewöhnlich und kann finnischer oder auch hebräischer Herkunft sein. Was bedeutet ‚Mirja‘ und was hat Ihre Eltern zu dieser Namenswahl bewogen?

Mirja: Meine Eltern wollten einen seltenen, besonderen, für sie wohlklingenden Namen im besten Sinne für mich haben. Meine Eltern haben sich bei der Namenswahl auf die finnische Herkunft mit der Bedeutung „Stern“ bezogen. Der Name bedeutet auch, wie der Pfarrer bei meiner Konfirmation sagte, „die Widerspenstige, die Unbezähmbare“. Diese Wahl fand ich in meiner Kindheit und frühen Jugend nicht ganz so toll. Auch wusste ich nicht so recht, ob die Bedeutung nun gut oder schlecht für mich ist (*lacht). Ich glaube, ich kann beidem etwas abgewinnen. Für mich ist Mirja inzwischen ein schöner Name, abgeleitet vom hebräischen Namen Miriam, was ja wiederum eine Form des Namens Maria ist und damit für alle abrahamitischen Religionen eine besondere Bedeutung hat.

Martin: Haben Sie denn in Bezug auf Ihren Namen schon negative Erfahrungen machen müssen, zum Beispiel wegen des jüdischen Anklangs?

Mirja: In der Schule bin ich mit meinen Vornamen und meinem Nachnamen schon aufgefallen. Heutzutage sind ungewöhnliche Namen wohl gängiger als früher. Vor allem in Verbindung mit meinem gälischen Zweit- und ungewöhnlichen Nachnamen, der dazuhin auch noch ein Doppelname ist. Das war einfach nicht üblich. Nicht wegen „jüdisch“, sondern wegen „auffällig“ und entsprechenden schlechten Erfahrungen war ich unzufrieden: „Wie schreibt man das?“, „Wie spricht man das aus?“ Und wirklich andauernd wurde automatisch ein zusätzliches „m“ als letzter Buchstabe an meinem Namen angefügt usw. Das war schon unangenehm und ich fühlte mich verunsichert und ausgegrenzt. Ich hätte lieber „Jenny“ oder „Jennifer“ oder was weiß ich wie geheißen. Ausgrenzung aus antisemitischen Motiven, das ist mir als Kind nicht passiert, später aber hin und wieder. Dies dann aber im Zusammenhang mit meinem Nachnamen-Bestandteil „Kon“, was eine andere Schreibweise des klar jüdischen Namens Cohen ist. Antisemitisch „tickende“ Menschen wissen sehr wohl um dessen Bedeutung.

Martin: Was bedeutet denn „Kon“ oder „Cohen“?
Mirja: „Kon“ oder „Cohen“ ist ein sehr weit verbreiteter Name. Er benennt, kurz erklärt, die „Kohanim“. Diese sind eine besondere Gruppe (ca. 10 Prozent) innerhalb des Judentums, welches historisch und potentiell zukünftig eine wichtige tempeldienstliche Funktion innehält und deshalb besonders zu ritueller Reinheit verpflichtet ist. Mein Vater heißt Kon und ist, wie schon gesagt, gemäß jüdischer Überlieferung ein säkularer Jude – auch wenn er baptistischer Theologe ist und eine christliche Frau (und dazu eine Deutsche!) geheiratet hat.

Martin: In welchem Glauben sind Sie denn als Kind eines säkular-jüdischen Umfeldes in England erzogen worden, wenn Sie heute Buddhistin sind?
Mirja: Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden. Meine Eltern waren bzw. sind beide christliche Theologen. Meine Mutter gehört zur evangelischen Amtskirche, mein Vater ist wie gesagt Baptist. Auch wenn beide ihren Glauben wirklich leben, wurde ich nicht so gläubig erzogen, wie man sich das vielleicht vorstellen würde. Ich kannte viele Pfarrer und andere Theologen. Viele Freunde meiner Eltern waren Theologen, auch meine Pateneltern. In diesem „Dunstkreis“ bin ich aufgewachsen, mal mehr und mal weniger gläubig. Ich fand den Glauben meiner Eltern toll. Ich fand toll, dass sie beten konnten. Das wollte ich auch können: so mit Gott reden. Das hat aber nie richtig geklappt. Das war eher so ein Auf und Ab mit dem Glauben, den ich immer mal – auch philosophisch – gesucht und auch mal wieder nicht gesucht habe. Trotzdem habe ich mich dann später, kurz vor der Konfirmation, doch taufen lassen. Für meinen Vater als Baptist kam nur eine selbst gewählte Erwachsenentaufe in Frage, obwohl ich eine Kindstaufe eigentlich besser gefunden hätte. Für mich bedeutet Taufe Segnung und die Gewissheit, dass man wie der biblische „verlorene Sohn“ eine Zuflucht hat, zu der man absolut immer zurückkehren kann. Ich bin früh, mit Siebzehn, ausgezogen und bin dann irgendwann einer Buddhistin begegnet. Dann ging das eigentlich ganz schnell: sie konnte mir beibringen zu beten, obwohl ich zunächst „nur“ Entspannungsmeditation lernen wollte. So bin ich Buddhistin geworden und geblieben – und zwar eine sehr engagierte und theologisch „tiefe“ Buddhistin!

Martin: Durch Ihren buddhistischen Glauben sind Sie zu der ‚Arbeitsgemeinschaft Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.‘ gekommen?
Mirja: Ja. Ich war nicht ganz von Anfang an dabei, aber schon sehr früh. Ich wurde von meiner buddhistischen Glaubensgemeinschaft, dem Menlha-Zentrum für Buddhismus (ich werde sie nachfolgend Zentrum nennen), quasi entsandt, als uns die Anfrage der damals eher lockeren Gruppe erreichte, die die Idee des ‚Gartens der Religionen‘ verfolgte, ob wir dabei nicht als eine Vertreterin des Buddhismus mitwirken möchten. Schon damals war mir interreligiöse Kompetenz sehr ans Herz gewachsen, denn viele der Besucher eines buddhistischen Zentrums im Westen sind keine Buddhisten. Daher stellte sich für mich früh die Frage, wie ich mit interessierten Menschen ins Gespräch komme, um ihnen meinen Glauben zu erklären – und zwar so, dass es die Dialogpartner auch erreicht und ihnen auch etwas bringt. Denn: Wie erkläre ich anderen Menschen, die nicht konvertieren wollen und die ich auch gar nicht missionieren möchte, meinen Glauben, ohne dass ich diesen verforme oder ihm die Tiefe nehme? Wie vermittle ich diesen Menschen, wie sie – als einen Vorschlag (!) aus buddhistischer Sicht – ihren Teil zum Frieden in ihrem Alltag, ihrem Kontext und gesellschaftspolitisch beitragen können? Das hat mich schon innerhalb meines Zentrums immer umgetrieben. Und so war klar, dass ich diejenige sein würde, die von uns zur ‚Arbeitsgemeinschaft Garten der Religionen‘ dazu stoßen sollte.

Martin: Der ‚Garten der Religionen‘ beinhaltet ja nun ein breites Spektrum an Religionen. Kommt es mit Besuchern zu interreligiösen oder rassistischen Konflikten? Gab es Schmierereien oder Vandalismus in dieser öffentlichen und frei zugänglichen Gartenanlage?
Mirja: Naja, auf Podiumsdiskussionen gibt es schon ab und zu Stimmen, die sagen: „Ihr da oben mit euren ganzen Religionen, ihr sitzt da oben so harmonisch. Das kann so nicht sein. Ihr wollt uns irgendetwas Verdächtiges, Religiöses verkaufen. Oder missioniert ihr nicht doch?“ Damit wird uns suggeriert, dass da „irgendetwas nicht stimmen kann“.
Unsere Antwort lautet dann immer: „Das, was ihr hier jetzt seht, ist echt – aber es ist auch das Ergebnis von langen und intensiven Begegnungen, Gesprächen und des Kennenlernens.“
Denn nicht die Religionen selbst führen einen Dialog und agieren gut oder schlecht miteinander, sondern die Menschen, die diese Religionen leben oder eben auch nicht leben.
Was das breite Spektrum betrifft, gibt es auch familiäre „Verquickungen“ wie zum Beispiel mich und meinen Mann. Ich bin Buddhistin, er nicht. Er ist religionslos. Dennoch engagiert auch er sich im und für den ‚Garten der Religionen‘ und anderen interreligiösen Kontexten. Sogar schon länger als ich, da er davon überzeugt ist, dass der Dialog zwischen den Religionen und über religiöse Diversität enorm wichtig ist und wirkungsvoll zum gesellschaftlichen Frieden beiträgt. Mit dieser „Mischehe“ habe ich mich übrigens selbst etwas überrascht.
Oder: Wir haben eine gute Freundin, Hafza. Sie ist Muslima und passt öfter auf unsere Kinder auf. Dasselbe gilt für Freunde, die als Muslime einer der Karlsruher Moschee-Gemeinden angehören. Da gibt es schon immer mal wieder Stimmen aus meinem Umfeld, die mich besorgt fragen, ob ich denn keine Angst hätte, dass „diese Menschen“ unsere Kinder missionieren würden. Für mich und meinen Mann stellen sich solche Fragen aber gar nicht erst, denn wir wissen unsere Kinder dort in besten Händen. Vor was soll ich da Angst haben? Ich kenne die Menschen dort. Im Zweifel spreche ich mit meinen Kindern und mit ihnen. Ich finde es gut, dass meine Kinder gläubigen Menschen aus verschiedenen Religionen begegnen, denen ich ihren Glauben „abnehme“ und die gewisse Werte verkörpern und nach meiner Wahrnehmung auch leben.
All dies sind „gewachsene Früchte“ aus der Arbeit im und um den ‚Garten der Religionen‘. Die ihn tragende AG befasst sich über das inzwischen ebenfalls gewachsene Jahresprogramm mit allerlei Begegnungs- und Informationsveranstaltungen, Führungen usw. hinaus zunehmend damit, die Interessen und Anliegen religiöser Menschen in aktuelle religions- und integrationspolitische Debatten in Karlsruhe einzubringen. Denn man merkt dabei doch, dass die Frage von `überzeugt religiös‘ und ‚leidenschaftlich nicht-religiös‘ durchaus keine Frage wie viele andere ist, sondern tief mit der Identität und dem Selbstverständnis des jeweiligen Akteurs zu tun hat und dementsprechend aufgeladen sein kann.

Gerade deshalb versuchen wir uns darin zu üben und dies auch anderen weiterzugeben, wie –  in der Praxis – ein nicht zu weit, aber auch nicht zu eng gesteckter Toleranzbegriff innerhalb unserer demokratischen Grundordnung funktionieren kann.
Aber ich schweife von der Frage ab (*lacht).
Nein, erstaunlicherweise gab es bisher keine bleibenden Verunstaltungen oder Vandalismus im ‚Garten der Religionen‘. Zwar gab es schon ein paar kleinere Schmierereien auf dem ein oder anderen baulichen Teil, aber nichts, was ich nicht mit „Hausfrauenmitteln“ hätte wieder entfernen können – und auch nichts, was ganz augenscheinlich auf eine besondere und gezielte Aktion gegen die Anlage oder die dahinterstehende Idee schließen ließ. Nur einmal hatte man Teile des ‚Gartens der Religionen‘, wahrscheinlich mit Hilfe von Briketts, schwarz angemalt und die Stadt musste das säubern.

Meine Erklärung für dieses doch positive Fazit ist, dass „man“ dem ‚Garten der Religionen` anzumerken und abzuspüren scheint, dass da wirklich Menschen am Werk waren und sind, die vielleicht anders sind als man selbst, die sich aber sehr lange und viele Gedanken gemacht haben und viel Herzblut in diesen Ort gesteckt haben. Das strahlt der Ort meiner Meinung nach aus – und ein gewisser Respekt, eine gewisse Wertschätzung vor oder gegenüber diesem Bauwerk scheint deshalb irgendwie zu funktionieren. Und durch die wunderbare Einbettung in den Citypark und den neuen Stadtteil Südstadt-Ost gibt es natürlich auch ein gewisses Maß an „sozialer Kontrolle“ und ein Engagement von Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft bis hin dazu, dass augenscheinlich einige Anwohner immer wieder Müll aufsammeln. Mein Wunsch ist, dass dieser Ort die Grundüberzeugung seiner Macherinnen und Macher so stark ausstrahlt – nämlich, dass trotz aller Widrigkeiten und Grenzen alle Menschen so viel mehr eint als trennt – , dass ihn dies dauerhaft beschützt und zu einem für viele Menschen besonderen Ort macht. Und unsere vielen Begegnungen und Gespräche in dieser Anlage und das große Interesse an ihm lässt mich hoffen, dass dies auch tatsächlich so ist und auch so bleiben wird.

Sehr wohl gibt es die Vorwürfe der Scheinheiligkeit oder der Lippenbekenntnisse gegenüber uns und den einzelnen Religionen, wie ich es beim Beispiel mit den Podiumsdiskussionen erwähnt habe. Darüber kann man oftmals sinnvoll diskutieren, aber wenn jemand statt an einem Dialog lediglich an seinem eigenen festgefahrenen Standpunkt interessiert ist, dann bringen Diskussionen nichts. Es ist schwer auszuhalten, wenn dieser Standpunkt Verletzendes bis hin zu Menschenverachtendem beinhaltet.
Manchmal ist es aber doch sinnvoll, darüber zu sprechen, was es mit einem macht, wenn man solchen Vorwürfen ausgesetzt wird. Denn es ist schon heftig, wenn man sich in Bezug auf seinen Glauben auf angebliche Lippenbekenntnisse oder gar eine verborgene feindliche Agenda reduzieren lassen muss. Das ist eine wirklich verletzende Handlung –  unter Umständen sehr diskriminierend, feindlich oder auch rassistisch im Sinne von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Von einem wirklich islamfeindlichen Pärchen, das immer wieder im ‚Garten der Religionen‘ auftaucht und andere Besucher in Diskussionen verstrickt, wurden wir zum Beispiel schon ernsthaft aber verbal agressiv gefragt, warum denn im den Islam repräsentierenden Teil der Anlage nicht eine  „abgehackte Hand“ als Symbol für den Islam abgebildet sei. (Anmerkung: das Abhacken der Hand ist in der Scharia als Strafe für das Delikt des Straßenraubes vorgesehen). Und wir im ‚Garten der Religionen` engagierten Menschen aller Religionen seien doch alles nur Islamisten oder aber Handlanger von Islamisten. Und ein (nach eigener Aussage als Religionslehrer unterrichtender!) Mann schlug uns am Rande eines Workshops zur Fortschreibung des Karlsruher Integrationsplans allen Ernstes vor, beim ‚Garten der Religonen‘ noch einen Platz für die Witwenverbrennungen der Hindus und ein Steinigungsfeld für die Muslime einzurichten…

So etwas tut weh – und so etwas tut uns unrecht. Denn die einzelnen „Religionskreise“ des  ‚Gartens der Religionen‘ werden ganz bewusst „umarmt“ von einem alle Menschen verbindenden Außenkreis, in dem auch drei Stelen stehen, welche Auszüge aus den Grund- und Menschenrechten abbilden. Dies soll für uns symbolisch den Konsenz aller Akteure in der ‚AG Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.‘ ausdrücken, nämlich dass diese Grund- und Menschenrechte selbstverständlich die Grenzen der (positiven wie negativen) Religionsfreiheit bilden.

Aber wir wollen ehrlich sein: Dieses Primat der Menschenrechte vor den Gesetzen und Traditionen der Religionen und Kulturen können wir nur für uns selbst garantieren – aber dies gilt ja auch für jede andere tatsächliche oder zugeschriebene „Gruppe“.

Da wir nicht die ganze „Weltgemeinschaft“ der Christen, Muslime, Buddhisten usw. oder auch nur deren überregionale Organisationen insgesamt vertreten und diese auch nicht  beeinflussen können, können wir natürlich diese Maßstäbe nur im Bezug auf unsere direkten Mitglieder und Mitakteure wirklich „überwachen“ und im direkten Umgang miteinander und gegenüber der „Außenwelt“ als Ausschlußkriterien anlegen. Darauf weisen wir in unserer Arbeit regelmäßig hin – und wir beteiligen uns an der Benennung von Missständen im Umgang innerhalb der Religionen und zwischen den Religionen und bei der Benennung von Verbrechen von tatsächlich oder vermeintlich religiös legitimierten Gewalttaten wie Attentaten oder der Vertreibung der Rohingyas. Für unser lokales Miteinander wäre es kontraproduktiv, wenn wir im Umgang miteinander oder im Dialog mit der Gesellschaft vor allem daran gemessen werden, was außerhalb unserer persönlichen Möglichkeiten des Wirkens liegt – so wie derartige „Kollektivhaftung“ auch in anderen Kontexten den Dialog und das Miteinander erschwert. Das entbindet uns aber nicht von unserer Verpflichtung (und auch unserer – auch religiös motivierten – Überzeugung), dass wir mit aller Kraft für dieses Primat der Grund- und Menschenrechte wirken.

Martin: Hat der Einzug der AfD in den Bundestag solche Diskurse verschärft?
Mirja: Das würde ich so weder bejahen noch verneinen können. Aber was mir auffällt ist, dass die unterschwellige Angst der Menschen allgemein – aber auch der Menschen, die offen sind für Toleranz, Integration oder Menschlichkeit im weitesten Sinne – größer geworden ist. Die unterschwellige Angst, die manchmal auch explizite Frage „wie können wir denn unterscheiden, wer die bösen und gefährlichen religiösen Gruppen sind und wer nicht?“, scheint mir zugenommen zu haben. Insofern gibt es schon vermehrt Anfragen an uns. Auch erreichen uns Anfragen, ob wir keinen Vortrag über „gute und böse religiöse Gruppen“ halten können. Das sehe ich sehr ambivalent: Auf der einen Seite ist es ein Vertrauensbeweis gegenüber der ‚AG Garten der Religionen‘ und auch gegenüber mir und meiner Funktion als Vorsitzenden. Das ist das erfreuliche daran, dass die Leute fragen. Das Traurige dabei ist diese Ängstlichkeit. Meine Antwort darauf lautet dabei immer „Nein“. Denn wir sind keine Art ‚Verfassungsschutz‘ und auch keine Art ‚Weltanschauungsbeauftragte‘ – und können das auch nicht sein!
Was ich dann aber immer anbiete: Ich kann erläutern, wie ich persönlich oder wie die ‚AG Garten der Religionen‘ versucht, immer wieder auf fremde Menschen oder befremdliches Verhalten – sei es religiös oder nicht – zuzugehen und zu lernen. Also eine Art „menschliche Kompetenz“ zu entwickeln und zu erkennen, wie eng oder weit die Toleranz gegenüber anderen Menschen oder auch anderen, fremden Gebräuchen, Ritualen oder Religionen gesteckt sein muss, um als Menschen miteinander oder auch gesellschaftlich zu funktionieren. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Theorie dazu: die Ambiguitätstoleranz.
Dann kann man darüber gerne einen Vortrag gestalten, um genau das zu erklären. Dieses Bedürfnis ist deutlich gestiegen. Vermutlich nicht bei denen, die die AfD wählen, die kommen wohl eher nicht. Aber wenn doch … und dazu dialogbereit, dann wunderbar. In dem Kontext rede ich dann auch gerne mit diesen Menschen über ihre Befürchtungen, die auf jeden Fall ernst genommen werden sollten. Denn mit den Menschen, die kommen,  fragen und diskutieren, müssen und wollen wir uns einfach zusammen weiterentwickeln.

In diesem Rahmen entspinnen sich dann auch oft Gespräche über Integration in praktischer Hinsicht. Man sitzt dabei – so glaube ich – oft dem Irrtum auf, Integration würde bedeuten, dass diejenigen, die integriert werden wollen, müssen oder sollen, dass diese Menschen „irgendwie“ „irgendwas“ werden müssen. Ich frage mich dann immer „irgendwie was?“ Wie irgendein Prototyp eines „Bio-Deutschen“? Nach meiner Wahrnehmung spricht man in Deutschland oft von „Integration“, obwohl man „Assimilation“ meint. Und das wissen und spüren auch diejenigen, von denen das gefordert wird. Und: Integration soll, ja muss, ein gemeinsamer Prozess unserer neuen Gesellschaft sein, um gelingen zu können.

Da fällt mir jetzt gerade während unseres Gespräches auf: Ich bin ja perfekt „integriert“, in erster Linie Deutsche und eigentlich nichts anderes. Trotzdem habe ich per Definition einen Migrationshintergrund, der aber dem „allgemeinen Bild eines Migrationshintergrundes“ gar nicht entspricht. Und selbst meine Kinder mit einem Mann ganz ohne Migrationshintergrund  haben dieses ja in unserem Fall rein statistische „Label“. Verstehen Sie mich dabei nicht falsch – ich finde es grundsätzlich gut, dass es statistische Daten gibt, die unsere veränderte Gesellschaft auch abbilden und damit auch Instrumente für Gesellschaft und Politik sein können. Gerade im Vorfeld der Karlsruher Wochen gegen Rassismus muss aber auch gesagt werden: Eigentlich haben wir als Gesellschaft kein Problem mit Migrationshintergründen – sondern mit Migrationsvordergründen, sprich mit rassistischen Schubladen und Denkstrukturen, die Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in die Kategorien „wir“ und „ihr“ einteilt und dabei nicht auf „einheimisch“ oder „nicht-einheimisch“ schaut, sondern diese in „weiß“ (= zu „uns“ passend) und „schwarz“ (= fremd und poteniell nie ganz dazugehörig) kategorisiert.

Martin: An dieser Stelle möchte ich, wie immer in meinen Interviews, die Frage stellen, was denn für Sie typisch Deutsch ist.
Mirja: Ohje (*lacht). Das fragen Sie mich? Keine Ahnung. Ok, ich versuche es mal. Ich fühle mich in Großbritannien sehr wohl, vielleicht wirklich durch die Geburt. Was dort bei mir als „typisch Deutsch“ wahrgenommen wurde ist folgendes: Ich sollte einmal in einem britischen buddhistischen Zentrum die dortige Gemeinschaftsküche sauber machen. Danach wurde dann ganz schnell gesagt: „Mein Gott ist das gut geputzt, typisch deutsch. Das ist Wahnsinn, so akkurat und ordentlich und so geplant.“. Sicherlich ist nicht jeder Deutsche so, aber im Allgemeinen legt man in Deutschland schon großen Wert auf Akkuratesse und Ordentlichkeit. Das wurde anderswo immer mit viel Humor und Wertschätzung sehr positiv wahrgenommen, da das eine gewisse Ruhe und Strukturiertheit in den Alltag bringt, die gut tut. All diese Dinge schätze ich sehr. Insofern ist das wirklich meine deutsche Seite.
Vielleicht ist es auch typisch Deutsch, in einem Verein zu sein, am Vereinsleben, am Gemeinwohl und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Vielleicht ist die Wichtigkeit von Papieren für seine Qualifikationen auch typisch Deutsch. In anderen Ländern kommt es darauf an, was man kann – hier leider viel zu oft, was man formal nachweisen kann (im Übrigen auch ein absolutes Integrationshindernis für jeden Zuwanderer…).
Typisch Deutsch, typisch Britisch, typisch irgendwas… kann doch immer seine Sonnen- oder Schattenseiten zeigen, und liegt maßgeblich im Auge des Betrachters, nicht wahr?

Martin: Wollen Sie jetzt zum Ende des Interviews noch etwas anderes ansprechen?
Mirja: Eine Erfahrung in Bezug auf meine Großmutter möchte ich noch loswerden. Ich bin natürlich sehr für gelungene Integration, für ein gelingendes Miteinander. Meine Großmutter musste sich ja in England – nach all den schrecklichen Jahren des Krieges, der Lager und der Flucht! – noch einmal ein ganz anderes neues Leben aufbauen. Dieses neue Leben hat sich grundsätzlich von dem unterschieden, das sie vor dem Krieg hatte: Eine Kindheit auf einem ziemlich großen Gutshof, auch nach der Heirat relativ wohlhabende Bedingungen mit zum Beispiel Köchin. Auf der Flucht und dann auch in England musste sie die Ärmel selbst hochkrempeln und ihre Sitution teilweise ganz alleine meistern. Das hat sie auch getan und bewunderswert gut geschafft. Meine Großmutter ist, trotz all der Dinge, die sie erleben musste und die sie hätten umbringen können, über einhundert Jahre alt geworden. Aber sie hat in all der Zeit nie richtig Englisch gelernt und hat in London zusammen mit vielen anderen Polen „in ihrer Blase gelebt“. Nach dem hier herrschenden Verständnis von „Integration“ hat sie sich also „nie richtig integriert“ und lebte in ihrer „Parallelgesellschaft“. Das ist etwas, das ich nicht befürworte, aber es ist ein lebensnahes Beispiel, dass  es so etwas gibt – und vielleicht auch, warum es so etwas gibt. Das hat ihr nicht geschadet und auch keinem sonst. Nur soviel zu den „bösen und gefährlichen Parallelwelten“, von denen immer erzählt wird. Klar geht das besser, aber es muss auch nicht gegen die Demokratie oder die Grund- und Menschenrechte sein.

Und ganz zuletzt: Trotz aller Gräuel „bezaubern“ mich die unzähligen kleinen und großen Momente der Menschlichkeit, die es in der Fluchtgeschichte meiner Großeltern und meines Vaters gab und die ihnen das Überleben überhaupt erst ermöglichten, wo so viele das nicht überlebten. Diese Momente der Menschlichkeit in finstersten Zeiten, die ich spüre und auch entdecke, wenn mein Vater mir diese Dinge bis heute nach und nach erzählt. Ohne diese Menschlichkeit gäbe es mich nicht. Das prägt.

Martin: Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch und für Ihre Teilnahme an meinem Projekt.

Ich bin Deutsch! – Hafza

Ich bin Deutsch! – Hafza

Das Gespräch mit Hafza habe ich im Café Extrablatt in Karlsruhe geführt.
Hafza wurde in Bonn geboren und lebt schon seit über 12 Jahren, zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Brüdern, in Karlsruhe. Die Eltern von Hafza stammen beide aus Somalia.

Martin: Hafza, du trägst einen Hijab. Ist das die richtige Bezeichnung deiner Kopfbedeckung?
Hafza: Ja, das ist richtig. Ich trage meinen Hijab seit ich elf Jahre alt bin. Ich trage den Hijab freiwillig, es hat mich niemand dazu gezwungen. Ich bin stolz darauf, mich entschieden zu haben, diesen Weg zu gehen.

Martin: Was bedeutet es für dich den Hijab zu tragen?
Hafza: Meiner Meinung nach wird man in Deutschland schon eingeschränkt, wenn man einen Hijab trägt. Diese Erfahrung durfte ich schon machen. In der 4. Klasse wurde ich oft gefragt: „Warum trägst du das … ?“ oder „Haben dich deine Eltern dazu gezwungen … ?“. Mit diesem Wissen rate ich dazu, erst ab einem Alter von 15 oder 16 Jahren den Hijab anzulegen.
Trotzdem bereue ich es nicht, diesen Schritt getan zu haben. Wie gesagt: ich bin stolz darauf, erkenne aber auch die Nachteile, nehme diese jedoch gerne in Kauf.

Martin: Meinst du die Einschränkungen, in Deutschland einen Hijab zu tragen, werden in der Zukunft weniger? Dass die Menschen offener damit umgehen?
Hafza: Das hoffe ich. Ein Kopftuch, oder einen Hijab zu tragen ändert ja nichts an meinem Charakter, oder daran was oder wer ich bin. In Deutschland hat man ja bereits einen Schritt zu mehr Offenheit gewagt. Deutschland ist bereit dazu noch mehr zu ändern, auch wenn man Fereshta Ludin vor vielen Jahren verboten hat mit Kopftuch als Lehrerin zu unterrichten. Heute ist das in manchen Bundesländern kein Problem mehr.

Martin: Gab es schon Situationen in denen du den Eindruck hattest, man würde dich nur auf deine Kopfbedeckung reduzieren?
Hafza: Aktuell eher nicht. Früher als Schülerin jedoch schon. Als ich mich um ein Praktikum bemüht hatte, bekam ich die Antwort, dass das mit einem Kopftuch nicht möglich sei.

Martin: Du engagierst dich für interkulturelle Arbeit und für ein Miteinander. Wie gestaltet sich dieses Engagement aus?
Hafza: Naja, ich bin im Deutschsprachigen Muslimkreis Karlsruhe (DMK). Darüber bieten wir viele Veranstaltungen an und werden auch Teil der Karlsruher Wochen gegen Rassismus in diesem Jahr sein.

Martin: Bist du in der Kultur deiner Eltern ebenso „zuhause“ wie in der deutschen?
Hafza: Ja, mir ist meine Kultur sehr wichtig, auch wenn ich hier in Deutschland geboren bin. Ich liebe auch meine Heimat.

Martin: Was ist denn deine Kultur und wo liegt deine Heimat?
Hafza: Deutschland ist zum Teil meine Heimat und ich fühle mich hier auch sehr wohl. Meine erste Heimat ist jedoch Somalia. Trotzdem gehören beide Kulturen zu mir.

Martin: Hast du die Heimat deiner Eltern, deine somalische Heimat schon besucht?
Hafza: Ja, ich war 2014 schon einmal dort. Dort hat es mir sehr gut gefallen, einfach nur wunderschön. Es ist dort nicht so wie Somalia oftmals in den Medien dargestellt wird und auch nicht so, wie ich mir selbst das Land vorgestellt hatte.

Martin: Wie meinst du das? Kannst du das ein wenig ausführen?
Hafza: Ach, man sagt ja immer, Somalia wäre ein „Kriegsland“ wo immer nur Bürgerkrieg ist. In all den vielen Städten, die ich besucht habe, war nichts von Krieg zu sehen. Die Menschen dort sind sehr freundlich, sehr offen. Ich fand es sehr schön dort.

Martin: Beherrschst du die somalische Landessprache?
Hafza: Ja, natürlich

Martin: Wirst du von den Einheimischen in Somalia angenommen, oder bist du dort „die Deutsche“?
Hafza: Ich bin dort die Deutsche, ja. Man merkt es einfach, wenn man in Europa oder in Deutschland geboren wurde.

Martin: Das heißt, du wandelst salopp ausgedrückt irgendwie zwischen den Welten?
Hafza: Ja, irgendwie schon (lacht). Dort bin ich die Deutsche, hier die Somalierin.

Martin: Dein Besuch in Somalia, war das eher ein Urlaub für dich?
Hafza: Ja, ein wunderschöner Urlaub. Ich habe meine ganze Familie kennengelernt, die Seite meiner Mutter, die Seite meines Vaters, meine Kusinen. Ich habe ihr Dorf besucht. Ich war dort einfach unbeschreiblich zufrieden. Alle sind offen, alle sind freundlich. Keiner macht dich dort dumm an.

Martin: Hast du schon Ideen oder Träume, was du nach deinem Abitur machen möchtest?
Hafza: Ja, indirekt schon. Ich möchte auf jeden Fall studieren. Sehr gerne im Bereich Sozial- oder Gesundheitsmanagement. Ich hatte ja schon eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin angefangen. Die habe ich jedoch abgebrochen, weil ich dachte noch jung genug zu sein um nochmals die Schulbank zu drücken, um auf dem 2. Bildungsweg mein Abitur machen zu können.

Martin: Wenn du mit deinem Studium fertig bist, möchtest du mit deinem Wissen nach Somalia gehen und dort mithelfen das Land weiter voran zu bringen?
Hafza: Das wäre eine Möglichkeit. Aber das steht ja noch nicht fest. Wer weiß, wohin mich mein Leben treibt.

Martin: Findest du die Diskussion über Einwanderung, Migration und Islam hier in Deutschland als offen und ehrlich?
Hafza: Ich finde es traurig, eine Religion und die Menschen, die daran glauben in eine Schublade zu stecken. Der Islam wird hier in Deutschland meiner Meinung nach viel zu oft viel zu negativ dargestellt.

Martin: Kannst du das an Beispielen festmachen?
Hafza: Wenn durch die Stadt laufe kommt es schon vor, dass mich wildfremde Personen ansprechen und sagen: „Sie kommen doch aus einem islamischen Staat, was wollen Sie denn hier in Deutschland? Gehen Sie doch in Ihre Heimat zurück.“ Ich werde auch oft dumm von der Seite angemacht. Die Medien haben einen großen Einfluss auf diese Stimmung. Ich finde es schade, dass viele Menschen das glauben was in den Medien steht ohne das selbst für sich zu reflektieren. Ich würde mir wünschen, dass diese Menschen offener auf uns und auf den Islam zugehen würden, um damit mit uns und dem Islam eigene Erfahrungen machen zu können.

Martin: Wir gehst du dann damit um?
Hafza: Natürlich regt man sich darüber auf. Ich frage mich dann schon, was das Problem dieser anderen Person sein könnte. Da sowas jedoch oft passiert lernt man damit umzugehen. Ich lasse zum Beispiel die Menschen reden und lasse das Ganze dann nicht an mich heran. Weil: ich kann ja nichts daran ändern, wie die Menschen denken.
Viel schöner wäre es, würde man offener aufeinander zu gehen.

Martin: Setzt du dich mit diesen Menschen, die dich „dumm anmachen“ aktiv auseinander?
Hafza: Das würde eskalieren. Meinen Erfahrungen nach möchten diese Menschen gar nicht reden. Sie möchten einfach nur das loswerden was sie gerade in sich tragen.

Martin: Zum Schluss unseres Gespräches die quasi schon obligatorische Frage: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Hafza: (lacht lauthals) … Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit?

Martin: Vielen Dank für das nette Gespräch und deine Teilnahme an meinem Projekt.

Ich bin Deutsch! – Eduard

Ich bin Deutsch! – Eduard

Das Gespräch mit Eduard habe ich im Kaisergarten in Karlsruhe geführt.
Eduard kam 1994 als Spätaussiedler mit seiner Familie aus Tschita in Russland, östlich vom Baikalsee, nach Berlin.

Dort hat Eduard auf der FH Berlin erfolgreich Informatik studiert. Der Arbeit wegen ist er nach Karlsruhe gezogen, wo inzwischen auch seine ganze Familie lebt.

Martin: Eduard, hast du aufgrund deiner Wurzeln schon negative Erfahrungen machen müssen?
Eduard: Naja, ich sehe immer so ernst aus. Manche Menschen meinen, ich würde böse kucken. Das schreckt vielleicht manche ab. Vielleicht kannst du auch ein Bild machen, auf dem ich lache?

Die Sache mit „den Fremden“ war erstmal eher andersherum: Da wo ich geboren bin lebten sehr wenige fremde Menschen. Jedoch gab es, wir wohnten ja nah an der chinesischen Grenze, eine mongolische Minderheit. Freundschaften mit diesen Menschen zu schließen war verpönt und sie wurden schon ausgegrenzt. Daher muss ich im Nachhinein zugeben, rassistisch gewesen zu sein.
In Deutschland angekommen habe ich schnell „die andere Seite“ kennengelernt. Wie es ist als Fremder, als Spätaussiedler, angesehen zu werden und zu einer Minderheit zu gehören. Ich sehe zwar europäisch aus, aber durch meine, am Anfang mangelnden Deutschkenntnisse, wurde ich aufgrund meiner Sprache sehr schnell als russischstämmig abgestempelt. Dadurch hatte sich meine Euphorie, in Deutschland zu leben, recht schnell gelegt.
Durch die Zugehörigkeit zu einer russischen Minderheit in Deutschland habe ich zurzeit ausschließlich Freunde und Bekannte mit einem russischen Hintergrund. Sicherlich ist es so, dass sich Minderheiten eher abschotten und unter sich bleiben.

Martin: Hast du noch Bindungen zu deinen russischen Wurzeln?
Eduard: Nein. Ich habe aktuell Angst wieder nach Russland zu fahren. Da ich noch den russischen Pass besitze und damals eigentlich zur Armee gemusst hätte, weiß ich nicht was passiert, wenn ich nach Russland fahren würde.

Martin: Eduard, was ist denn für dich typisch Deutsch?
Eduard: Hm, jedenfalls nicht die „üblichen“ Dinge wie Pünktlichkeit oder Genauigkeit. Das findet sich auch in anderen Ländern. Das Einhalten von Regeln und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung sind jedoch auf jeden Fall typisch deutsche Eigenschaften. Wenn z.B. auf einem Rasen ein Schild „Betreten verboten!“ steht, dann halten sich die Deutschen daran. In Russland würde dieses Schild keinen interessieren.

Eine kleine Anekdote zum Einhalten von Regeln: Ich fahre oft mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eines Morgens fuhr ich ein wenig mehr links auf dem Waldweg als ein anderer Fahrradfahrer hinter mir klingelte. Ich dachte mir nichts dabei und bin einfach weitergefahren. Der andere Radfahrer klingelte nochmals. Ich habe dann gebremst und ihn gefragt, warum er denn klingeln würde, rechts wäre doch genügend Platz Seine Antwort: „Ich überhole immer nur links, das ist bei uns halt so!“

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du denn an mein Projekt? Warum machst du mit?
Eduard: An sich habe ich keine Erwartungen. Ich mache eher für mich selbst mit, um daran zu arbeiten früher rassistisch gewesen zu sein.
Mit der Zeit (in Deutschland) habe ich eingesehen, dass Rassismus eher hinderlich als förderlich ist. Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland irgendwann alle eine „Nation von Gleichen“ sind. Alle Menschen sollten gleich sein, egal welche Bräuche sie pflegen und egal woher sie kommen.
Ich bin gerne bei deinem Projekt dabei, da ich damit ein Statement dafür setzen kann, dass man seine Haltung gegenüber Fremden und anders aussehenden Menschen durchaus ändern kann.

Ein Beispiel: Meine Schwester hat einen nigerianischen Ehemann. Das war schon ein Problem in unserer Familie und in unserem Bekanntenkreis. Ganz am Anfang hat es auch mir etwas ausgemacht, zusammen mit meiner Schwester und ihrem Mann spazieren zu gehen. Ich habe mich immer gefragt, was die Anderen denn darüber denken könnten. Dann habe ich mich dazu aufgerafft, meinen Schwager richtig kennen zu lernen. Das hat sich wirklich gelohnt, und ich fühle mich danach ungemein bereichert.
Aufgrund meiner Erfahrungen in Deutschland bin ich bin der Meinung, dass viele von der AFD, deren Sympathisanten oder Menschen mit Fremdenhass sich die Mühe machen sollten „die Anderen, die Fremden“ kennenzulernen. Sich ein Urteil über einen Menschen aufgrund seiner Herkunft, Sprache oder seines Aussehens zu bilden ist nicht in Ordnung.

Martin: Was denkst du über den Einzug rechter Parolen und rechten Sprachgebrauches in die Umgangssprache auch der großen Volksparteien?
Eduard: Ich finde das sehr schade. Wir sollten ohne all die AFD-Argumente wirklich über wichtigere Dinge als Migration reden. Aus meinem Umfeld gibt es, aus Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik, leider viel zu viele AFD-Sympathisanten und Muslim-Gegner. Dort wird die AFD einfach als Alternative gesehen, dass sich „irgendetwas“ in der Politik ändert.
Ich halte das nicht für gut. Leider bin ich auch hier mit meiner Meinung in der Minderheit.

Martin: Danke für deine Beteiligung an meinem Projekt und für deine offenen und ehrlichen Worte.